Telekömmer

22. April 2009 | von

Es war nicht der chinesische Staatszirkus, der vorgestern im Friedberger Supermarkt auftrat, nein, es war eine ganz normale Kundin.  Sie hatte ihr Mobiltelefon akrobatisch zwischen Schulter und Ohr eingeklemmt und quatschte laut und deutlich mit Gaby, während sie gleichzeitig über den Verkaufstresen Rinderhack und Käse orderte.  Ob ich wollte oder nicht:  Ich war Zeuge zumindest der einen Hälfte des Gesprächs.

Nun können Männer ja bekanntlich schweigen wie eine aufgeregte Spatzenschar im April — weshalb ich Ihnen natürlich keine Details der Unterhaltung mitteile.  Trotzdem weiss ich nun die pikanten Einzelheiten von Gabys — aber nein, dass interessiert Sie bestimmt gar nicht.  Mich übrigens auch nicht, aber ich hatte keine Chance:  Ob an der Käsetheke, am Hygieneartikelregal oder an der Kasse — ich wurde überflutet von lauten, persönlichen Geschichten aus dem Leben dieser Dame und ihrer Freundin Gaby, die übrigens, Sie werden es nicht glauben, vorige Woche …  Ach, das ist zuuu pikant, ich kann das nicht erzählen.

Einen Tag später fiel das Mobiltelefonnetz der Deutschen Telekom aus.  Gute Neuigkeiten, dachte ich, grübelte dann aber den Rest des Tages über die Gerechtigkeit im Allgemeinen und im Speziellen nach.  Gerecht im weiteren Sinne wäre es nämlich gewesen, wenn der Ausfall bereits 24 Stunden früher, von mir aus auch schon gerne vor 15 Jahren und durchgehend bis heute stattgefunden hätte.

Können Sie sich das vorstellen?  Ruhe in der Bahn, im Restaurant, im Wartesaal?  Keine penetranten Menschen, die diese Art von Halbgesprächen in der Öffentlichkeit führen, ohne sich darum zu kümmern, ob Anwesende das vielleicht stört?  Wäre das herrlich!  Aber dann hätte ich natürlich nicht erfahren, dass Gaby …  Aber das wollten Sie ja gar nicht wissen.

Pisa-Devotionalien 1985

«Handy»: Millionen können nicht irren. Schliesslich kaufen Millionen ja auch geschmackvolle Andenken.

Mir wäre ohne diese Mobiltelefonseuche auch der gestrige Kommentar eines Sprechers der Telekom in HR3 erspart geblieben:  «Sprache und SMS ist betroffen vom Ausfall unseres Netzes», so stolperte der bestimmt mediengeschulte Mann verbal ins Mikrofon.  Dass hier Sprache sogar schwer betroffen war, konnte ich auch ohne Mobiltelefon am Ohr sofort nachvollziehen, denn der gute Mann ignorierte den berechtigten Anspruch des Plurals in diesem Satz unüberhörbar.

Ob er daheim auch so schludert?  Was denkt seine Frau, wenn er ihr erzählt:  «Nichts besonders heute im Büro — wir haben lediglich festgestellt, dass Telekom und Bahn sich beim Ausschnüffeln der Mitarbeiter ebenbürtig ist.»  Um nichts von seiner Sekretärin Gaby erzählen zu müssen, wechselt er aber das Thema und fragt nach dem Abendessen.

«Mit Käse überbackener Hackbraten», meint seine Frau lächelnd.

-fj

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