Kuchenunfall

9. September 2009 | von Anke F.

Kürzlich bekam ich ein Kochbuch aus den 50ern des vergangenen Jahrhunderts in die Hände.  Das Vorwort begann wie folgt:

Ein bekannter Scheidungsanwalt sagte einmal, dass nach seiner Erfahrung wenige Ehen geschieden würden, wo die Frau wirklich gut zu kochen versteht.

Glücklicherweise hat sich der Grundkonsens über die naturgegebene Aufgabenverteilung in der Partnerschaft ein wenig geändert.  Aber eines steht schon fest:  Die Liebe geht durch den Magen.  Ich bin nun aber durchaus keine perfekte Köchin — daher muss ich hin und wieder in die Trickkiste greifen …

Mein Partner ist ein Schokoholiker.  Ein Tag, den er mit einem schokoladigen Stück Kuchen beginnen kann, wird ein guter.  Ich versuche mich daher immer wieder an Schokoladenkuchenrezepten.  Die Grundlage ist häufig ein einfaches Rührkuchenrezept, dass ich mit wechselnden Zutaten (also im wesentlichen mit verschieden großen Schokoladenstücken) variiere.

Das letzte Backerlebnis war allerdings wenig erfolgreich.  Die Backzeit fiel wohl etwas länger als notwendig aus.  Der Kuchen löste sich klasse aus der Form — doch mehr Positives gibt es über ihn nicht zu berichten.  Er war staubtrocken!  Trotzdem hörte ich beim Kuchenanschnitt ein wohlwollendes «mir schmeckt er gut».

Am nächsten Morgen (zum ersten Kaffee gibt es ein Stück Kuchen) allerdings kommt die Frage nach Alternativen auf.  Dieser Kuchen ist am zweiten Tag tatsächlich nur nach der F.X.-Mayr-Methode herunterzubringen.  (Bei dieser Fastenvariante wird ein Bissen trockenes Milchbrötchen mit Unterstützung eines Löffels Milch sehr gut gekaut und eingespeichelt, bevor er im Magen verschwindet.)

RumkugelnObwohl wir im Überfluss leben, bringe ich es nicht über mich, diesen Kuchen zu entsorgen.  Habe ich doch wunderbare Zutaten darin verarbeitet!  Auf der Suche nach Ideen zur Weiterverarbeitung fällt der cleveren Bäckerin ein: Rumkugel!

In einer vorsichtigen und unauffälligen Befragung klopfe ich das Thema Rumkugel bei meinem lieben Partner ab.  Finden die geplanten Recycling-Küchlein seine Zustimmung?  Ein wenig enttäuscht höre ich:  «Nein, nach Rumkugeln stand mir noch nie der Sinn.  Das sind die zusammengefegten Reste vom Boden der Bäckerei.»

So schnell gebe ich jedoch nicht auf.  Vielleicht ist es nur eine Frage der Verpackung?  Meist steigert eine dicke Schokoladenglasur den Beliebtheitsgrad meiner Backwerke.  Flugs suche ich im Internet ein Rezept für Rumkugeln.  Ich finde sogar eines mit einer Schokoglasur.

Also ans Werk:  Die Hälfte des trockenen Kuchens zerkleinert, Schokolade fein gehackt, Kakaopulver und geschmolzene Butter dazu.  Den Rum lasse ich weg.  Da es noch im Kühlschrank war, menge ich noch ein Paket Marzipan dazu.  Das Ganze wird schnell verknetet und zu Kugeln geformt.

Inzwischen schmilzt Kuvertüre im Wassserbad.  Ich bade die Kugeln darin und setze sie auf ein Blech mit Backpapier.  Fertig!  Ab in den Kühlschrank damit.

KaffeeAm nächsten Morgen steht ein heikler Moment bevor.  Wie wir es hin und wieder zu tun pflegen, bringt der schon wache Partner dem noch Schlummernden einen Becher Kaffee und ein Stück Kuchen ans Bett.  Heute bin ich zuerst wach.  Aufgeregt stelle ich das Tablett mit den rumlosen Kugeln ans Bett.  Obwohl die Brille noch nicht auf der Nase sitzt, erkennt der Mann gleich:  «Sind das Rumkugeln?»  Ich habe sie derweil getestet und sage:  «Ja, aber du wirst sie mögen.»

So war es wirklich.  Als ich nachmittags einige der Kugeln zu den Nachbarn bringe, höre ich Protest:  «Oooch nöööö, die sind sooo lecker!»

Klasse!  Mein Plan ging auf.  Und ich habe auch gleich die zweite Hälfte des Kuchens verarbeitet.  Diesmal nach eigener Kreation, die etwas zwischen Küchlein und Praline darstellt.  Dazu habe ich den restlichen, …

… in kleine Würfel geschnittenen trockenen Kuchen, ungefähr 500 g, mit einem Paket im Wasserbad geschmolzenes Nougat, 150 g geschmolzene Butter und 200 g gerösteten und geriebenen Haselnüssen vermengt und mit den Händen verknetet.

Die zu Kugeln mit 3 bis 4 cm Durchmesser geformte Masse tunke ich in geschmolzene Zartbitterkuvertüre.  Für die Menge der Kugeln habe ich davon 300 g verbraucht.

Die Qualität der Zutaten bestimmt auch hier das Ergebnis.  So werde ich für ein feineres Ergebnis eine Schokolade mit hohem Kakao-Anteil für die Glasur nehmen.  Sicherlich wirken kleinere Kugeln eleganter.  Und Ideen, die Kugeln geschmacklich zu variieren, habe ich viele.  Nun warte ich schon fast ungeduldig auf den nächsten Kuchenunfall, um sie umzusetzen.

-af

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