Cheese!

18. Mai 2010 | von

Als junge Frau wollte ich meine Englischkenntnisse verbessern und bewarb mich auf eine Stellenausschreibung des irischen Hotels Aghadoe Heights bei Killarney.  Man entschied sich für mich.  Also packte ich ein paar Sachen und machte mich auf nach Irland.  Am Hotel angekommen, war ich erst etwas enttäuscht:  Das Gebäude war überhaupt nicht zu vergleichen mit den vielen romantischen irischen Schlosshotels.  Innen jedoch war es äusserst geschmackvoll und gediegen eingerichtet.

Sogar atemberaubend war der Blick vom Restaurant auf den See «Lough Lane».  Auch nach acht Monaten, während derer ich arbeitenderweise viele Stunden im Restaurant zubrachte, genoss ich den zauberhaften Blick.  Fast minutenweise änderten sich die Farben des Sees, der darum liegenden Hügel und des Himmels.  Traumhaft!  Wenn dann noch Mary irische Weisen auf dem Klavier spielte, fühlte ich Schmetterlinge im Bauch fliegen.  Ich war verliebt in die Landschaft!

Mein Zimmer im Personalhaus teilte ich mit Shirley.  Shirley war Pattissière im Restaurant und fertigte köstliche Desserts an.  Jeden Mittag und jeden Abend bestückte sie in der Küche eine fahrbare Kuchentheke mit den Süßspeisen.  Der Wagen wurde dann ins Restaurant gebracht und zur rechten Zeit an die Tische gefahren.  Die Gäste stellten nach Herzenslust aus einer Auswahl von hausgemachten Eiscremes, frischem Obstsalat, luftigen Schokoladenmousses, cremigen Flans, feinen Profiterols und Eclaires sowie Cheesecakes ihre Nachspeise zusammen.

Eine meiner Aufgaben war es, die ausgewählten süßen Sünden hübsch auf einen Teller mit Vanille- und Schokoladensauce und kleinen Früchten anzurichten und zu servieren.  Was für eine angenehme Arbeit!  Die Gäste schauten immer mit glänzenden Augen zu und unterdrückten selten ein freudiges «ahh» oder «hmmm».

Uns Serviceangestellten war es natürlich untersagt, von diesem Wagen zu naschen.  Trotzdem konnten wir nicht widerstehen!  Verliess der letzte Gast das Restaurant, kam unser Moment:  Wir mussten den Dessertwagen zurück in die Küche schieben.  Der Weg dorthin führte durch eine Art Schleuse zwischen Restaurant und Küche.  Nun waren Schnelligkeit und Geschicklichkeit gefordert.  Wenn nicht schon Shirley dort wartete, hatten wir wenige Sekunden Zeit, ungesehen etwas von den Desserts auf einen Teller zu füllen und diesen schnell zu verstecken.  Später, nachdem das Restaurant aufgeräumt war, genossen wir schweigend unsere selbst organisierte Belohnung.

So lernte ich Shirleys Butterscotch Cheescake kennen.  Nun war ich nicht mehr nur verliebt in die Landschaft, sondern auch in diesen Cheesecake!


Cheesecake im Carnegy Deli in New York Cit


Seit all den Jahren, und das sind nunmehr fast 20, denke ich gerne an die Zeit im Aghadoe Heights Hotel zurück — und den Cheescake.  Auf Reisen in den USA fand ich diesen Kuchen auf mancher Speisenkarte, wenige Male auch tatsächlich einen Butterscotch Cheesecake.  Nie aber erreichte er das Niveau von Shirleys Spezialität.  Versuche, von Shirley das Rezept zu erhalten, blieben leider erfolglos.  Sie schwieg sich darüber aus.

Es finden sich zwar Rezepte im Internet, aber noch habe ich nicht den Mut gefasst, mich daran zu versuchen.  Zu groß ist die Gefahr, nicht diesen unübertrefflichen Geschmack von Shirleys Butterscotch zu treffen.

Seit einiger Zeit versuche ich mich trotzdem an einem Cheesecake:  Chocolate Cheesecake, was den treuen Leser nicht sonderlichen überraschen wird.  Mein lieber Partner und bekennender Schokoholiker ist ein dankbarer Abnehmer für alles Schokoladige.

Ein Chocolate Cheesecake ist ohne viel Aufwand gemacht, aber er braucht Zeit:

175 g Löffelbiscuit zerbröseln (die Biscuits in einen Beutel füllen und mit dem Nudelholz draufschlagen), mit 75 Gramm geschmolzener Butter und zwei bis drei Esslöffel Kakaopulver vermengen und damit den Boden einer Springform (cirka 26 Zentimeter Durchmesser) bedecken.  Damit das Brösel-Butter-Kakao-Gemisch kompakt wird, drücke ich es mit einem Löffel fest.

Die 700 g zimmerwarmen Frischkäse (am besten Doppelrahmstufe, ist zu wenig Fett enthalten, reisst der Kuchen beim Backen leichter auf) verrühre ich mit 100 Gramm saurer Sahne, vier Eiern, 50 Gramm geriebenen Mandeln und 200 Gramm Zucker.  Heute gebe ich noch zirca 200 Gramm geschmolzene Schokolade dazu.

Der Kuchen kommt bei 170° Celsius in den Ofen, bleibt dort eine knapp Stunde — und noch weitere 30 Minuten, nachdem der Ofen ausgestellt ist.  Auf diese Weise kühlt er langsamer ab und soll so nicht aufreissen.  Danach verrühre ich weitere 100 Gramm saure Sahne mit etwas Puderzucker, streiche sie auf den Kuchen und stelle diesen in den Kühlschrank:  Damit er sich gut anschneiden lässt, sollte er ganz durch gekühlt sein.

Kurz vor dem Anschneiden giesse ich Schokoladensauce und streue Schokoladenraspel über den Kuchen.  Auf ein paar Kalorien mehr kommt es nicht mehr an und das Werk sieht so besser aus.

Noch träume ich vom Butterscotch Cheesecake.  Ich muss ein gutes Karamellsaucen-Rezept finden und dieses dann mit dem Cheesecake-Rezept verheiraten.  Mein Plan ist, im Falle des Erfolges, einen Flug nach Irland und ein Zimmer im Aghadoe Heights Hotel zu reservieren.  Kurz vor Abflug werde ich ein Stück meines selbstgebackenen Butterscotch-Kuchens einpacken, um es dann im Restaurant des Aghadoe Heights, mit Blick auf den wunderschönen See, zu verzehren.  Das Hotel ist teuer genug, um auch schrullige Gäste zu billigen.

-af

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