Grüsse aus der Wetterau (I)

18. Juli 2010 | von

Die alte Peitschenlampe erhellte die nasse Strasse nur notdürftig.  Der Regen wurde wieder stärker und Boy Hansen stellte den Scheibenwischer an.  Ein paar heftige Windböen rüttelten an den hinteren Türen seines alten Autos.  Ich muss bei Gelegenheit die Scharniere nachziehen, dachte er und versuchte im Takt der Musik aufs Lenkrad zu trommeln.  Es misslang.  Der Scheibenwischermotor hielt den Rhythmus besser als er.

Auf der Landstrasse in Richtung Friedberg überholten ihn zwei Autos mit hoher Geschwindigkeit.  Aufgewirbelte Gischt prasselte gegen die Windschutzscheibe.  Die langsamen Wischer seines alten Fahrzeugs kamen weder gegen das Wasser, noch gegen die schnelleren Rhythmen im Nachtprogramm der ARD an, mit denen man die Zuhörer wach halten wollte.

Boy kurbelte zusätzlich das Fenster herunter, um gegen die Müdigkeit zu kämpfen.  Vielleicht half das besser als Kylie Minogue?  Der Regen durchnässte seinen linken Hemdsärmel.  Gähnend schloss er die Scheibe wieder, froh, dass er es bald geschafft hatte.  Ein Senderwechsel lohnte nicht mehr:  Bis Solmsheim waren es nur noch ein paar Kilometer.

Ausladen könnte er morgen, vielleicht würde ihm Janek helfen.  Boy sah das Ortseingangsschild kaum, so dicht waren die Regenschwaden mittlerweile.  Er blickte in den Rückspiegel, sah kein Fahrzeug hinter sich und fuhr ein paar Meter an der Einfahrt zu seiner Hofreite vorbei.  Krachend legte er den Rückwärtsgang ein und setzte das Fahrzeug vorsichtig durch das Tor, den Blick abwechselnd in beiden Rückspiegeln.  Im Hof parkte er kurz vor dem Scheunentor.  So würde das Ausladen morgen einfacher sein.

Ernst Baumann fuhr aus dem Schlaf:  Welch ein Lärm!  Die roten Ziffern seines Weckers zeigten 02:14.  Er stand auf und ging ohne Licht zu machen ans Fenster.  Sein Nachbar rangierte mit dem alten Feuerwehrwagen in der gegenüberliegenden Hofeinfahrt.  Um diese Zeit, so ein Lärm!  Der Spinner nervte ihn, seit er vor drei Jahren gegenüber eingezogen war.  Fuhr ein Feuerwehrauto, machte aber keine Anstalten, endlich der freiwilligen Feuerwehr beizutreten.  Und der Wehrführer machte nichts dagegen!  Irgendwer muss ihm die Grenzen zeigen, dachte Ernst Baumann, als er seine Sachen anzog.

«Karle, so wach doch auf!»  Annemarie Glober rüttelte schlaftrunken am Arm ihres Manns.  «Da war was, draussen!»  «Jo, wird schon nichts sein.»  «Geh schon schauen!»  Müde und mürrisch erhob sich Karl Glober, schob den schweren Vorhang ein wenig beiseite und öffnete das Fenster einen Spalt breit.  «Das ist nur der Ernst, repariert seinen Gartenzaun.»  «Aber Karle, was erzählst du denn, doch nicht um diese Zeit!», murmelte Annemarie kaum noch verständlich in ihr Kissen.  «Er geht schon wieder rein, schlaf weiter», versuchte der sichtlich genervte Mann seine Frau zu beruhigen – aber die war bereits wieder eingenickt.  Ärgerlich legte sich Karl Glober ins Bett.

Am nächsten Morgen wurde Boy Hansen erst kurz vor zehn Uhr wach.  Die Türklingel bimmelte ungeduldig und er warf sich verschlafen den Bademantel über.  Anstrengend war die Fahrt letzte Nacht gewesen – und der Rückweg hatte bei dem schlechten Wetter noch länger gedauert, als er gedacht hatte.  Mist, dachte er, Janek!  Ich habe Janek vergessen!  Er schlurfte zur Tür und liess den Polen herein.

«Entschuldige, Janek, ich habe verschlafen.»  «Kein Problem!», meinte der Mann mit dem Schnauzbart.  Das war seine typische Antwort.  Er war gut gelaunt wie immer.  «Ich mache schnell Kaffee, komm schon mal rein.»  Statt Janek kam Nachbars Kater über die Türschwelle, sichtlich interessiert an dem herunterhängenden, schlenkernden Gürtel des Bademantels.  «Warst in Freiburg gestern, hast bekommen Teile?», fragte Janek.  «Ja, liegt alles im Auto.»  «Ah, gut, lade ich aus!»  Boy versuchte den eifrigen Gast zu bremsen:  «Lass uns doch erst mal frühstücken», murmelte er vor sich hin – wohl wissend, dass das vergeblich war.  Janek war schon draussen und öffnete die klappernden Türen des alten Feuerwehrautos.

Die Dusche tat Boy gut, und als er wieder in die Küche kam, duftete es nach Kaffee.  Der Küchenwecker erinnerte ihn zwei Minuten später daran, dass die Croissants fertig waren – und liess den dösenden Kater aufschrecken.  «Charly, du alter Schisser, den habe ich extra für dich gestellt», meinte Boy belustigt.  «Hattest eine noch härtere Nacht als ich, was?»

Schnell war der Tisch gedeckt und er rief Janek herein.  «Wir hätten auch draussen frühstücken können bei dem Wetter.»  «Ach was, schmeckt gut auch hier!», erwiderte Janek fröhlich und biss herzhaft in das französische Gebäck, das er mit einer dicken Scheibe Käse belegt hatte.

«Kannst du mir heute Nachmittag bei dem Kirschlorbeer helfen?»  Boy hoffte auf Janeks Unterstützung.  Der letzte Winter hatte den grossen Busch in der Ecke zwischen Wohnhaus und Scheune erfrieren lassen.  Die braunen Blätter hingen trist von den Zweigen herab und passten so gar nicht zur Frühlingsstimmung.  «Helfe Waltraud, muss machen Zimmer, viel Arbeit», lehnte Janek bedauernd ab.  In welchem Zustand wäre dieses Dorf ohne den überaus hilfreichen Polen, fragte sich Boy.

Im Schuppen suchte er sich eine Stunde später die Arbeitsgeräte für den Nachmittag heraus.  Das würde eine schöne Schufterei werden ohne Janeks Hilfe, doch die Arbeit im Garten bereitete ihm Spass und tat ihm gut.  Nach den vielen Jahren seines Bürojobs in der Grossstadt fühlte er sich wie neu geboren.  Die anstrengenden abendlichen Kneipengänge seines früheren Lebens hatte er sich hier auf dem Dorf mangels Gelegenheit dankbar abgewöhnen müssen.  Statt dessen trieb er mehr Sport, rannte gerne über die Feldwege um die Ortschaft oder im nicht weit entfernten Reichelsheimer Wald.  Seine ständigen Rückenschmerzen waren dadurch mittlerweile erträglich.  Raus aus der Stadt aufs Land, sein Traum war Wirklichkeit geworden.  Wenn er darüber nachdachte, war er nicht unzufrieden.

Vor drei Jahren hatte er die alte Hofreite gekauft, seine Wohnung in Hamburg gekündigt und war umgezogen.  Auch wenn er viel zurückgelassenen hatte aus seinem früheren Leben – der Wechsel war eine seiner besseren Entscheidungen, fand er.  Solmsheim, dieses kleine Dorf mitten in der Wetterau, war ihm schnell ans Herz gewachsen.  Die Hofreite hielt ihn auf Trab, hier konnte er seinen Hobbys nachgehen: Kochen, seine beiden alten Autos in Schuss halten und Möbel restaurieren.  Im Kochen war er schon ganz gut.  Die Autos fuhren momentan beide, worauf er ein wenig stolz war.  Nur im fachmännischen Umgang mit Holz und den männlichen Nachbarn musste er sich noch verbessern.

Mit den Gartengeräten über der Schulter blickte Boy auf das Dach des Wohnhauses mit den alten Biberschwanz-Dachziegeln:  Darunter wartete ebenfalls noch eine Menge Arbeit.  Die Zimmer im ersten Stock mussten hergerichtet werden, doch viel mehr interessierte ihn der Speicher:  Alte Regale waren vollgepackt mit Gläsern und Krügen.  Die alten Flaschen standen so dicht, dass er in den drei Jahren noch keine Gelegenheit gefunden hatte, alles zu sichten.  Tische und Stühle warteten darauf, in Schuss gebracht zu werden.

Der Hof war nach dem Krieg als Gastwirtschaft genutzt worden, so hatte ihm der Verkäufer damals erzählt.  Boy hatte sich bei der Besichtigung nicht anmerken lassen, wie begeistert er von der Jahrzehnte alten Einrichtung dort oben war.  Dass der vorherige Eigentümer all das zurück gelassen hatte, verstand er bis heute nicht.  Manchmal spielte Boy sogar mit dem Gedanken, eine kleine Gastronomie zu eröffnen – aber so weit war er noch lange nicht.  Zu viel war noch aufzuräumen, zu entrümpeln oder zu renovieren, aber er machte all das gerne.

Welch eine Freude, nach dem harten Winter endlich wieder etwas im Garten machen zu können, dachte er, als er ausgerüstet mit Astschere, Säge, Hacke und Spaten hinters Haus ging.  Minus fünfundzwanzig Grad waren es im Januar.  Überall in der Wetterau sah man seitdem die erfrorenen, braunen Hecken aus Kirschlorbeer.  Deprimierend, so fand Boy.  Höchste Zeit, dass er auf seinem Grundstück etwas dagegen unternahm.


Personen: Wer ist wer?
Übersicht und Hinweise

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13 Kommentare auf "Grüsse aus der Wetterau (I)"

  1. Rosemarie Tänzer sagt:

    Hallo Herr Jermann,

    gehe ich recht in der Annahme, daß es sich bei manchen Charakteren um Ihnen bekannte Personen handelt?

    Der Roman ist echt gut geschrieben. Schön fließend und läßt sich sehr gut lesen. Glückwunsch!

    Grüße
    Rosemarie Tänzer

  2. Frank J. sagt:

    Hallo Frau Tänzer,

    prima, dass es ihnen gefällt. Ich hoffe, dass ich dieses “Mammutprojekt” gut durchhalte und Ihnen weiterhin gute Unterhaltung bieten kann.

    Zu Ihrer Frage: Ich beschreibe keine realen Personen — ebenso wie die Handlung sind sie natürlich frei erfunden. Wie heisst es so schön: “Jede Übereinstimmung mit lebenden oder toten Personen ist zufällig und nicht gewollt.”

    Das gilt auch für die Geschichte “Grüsse aus der Wetterau”.

    Mit bestem Gruss

    Frank Jermann

  3. Naja, beim “Kriminalhauptkommissar Schmidt” mit “dt” könnte man schon an Kriminalhauptkommissar Schmidt denken…
    Ich bin gespannt auf die nächste Folge!
    Gruss
    Alexander

  4. Frank J. sagt:

    Moin Alexander,

    jetzt sag nicht, dass es in Friedberg einen Kriminalhauptkommissar Schmidt gibt!?

    Fragt

    Frank

  5. Aus der Pressemappe der Polizei Wetterau-Friedberg:
    “…wie der Leiter des Bereiches … Kriminalhauptkommissar Klaus-Dieter Schmidt erläuterte…”
    ;-)
    Antwortet
    Alexander

  6. Frank J. sagt:

    Nicht zu glauben! Danke für den Hinweis, Alexander.

    Ich habe diese Laune des Schicksals mit einem Telefonat klären können. Hier gibt’s die Lösung (in der Anmerkung von heute).

    -Frank

  7. Uta sagt:

    Hi Frank,
    weiter schreiben bitte!
    LG Uta

  8. Frank J. sagt:

    Ja, Uta, mit Vergnügen. Doch gemach: Sommer = zwölf Wochen! :-)

    Sonntag, ok?

    Alles Gute von

    Frank

  9. Uta sagt:

    jaja, ich weiß: gut Ding will Weile haben… Also gut ich warte!
    Uta

  10. Michael sagt:

    So, so, das kann er also auch! Chapeau!

    Das lässt sich ja prima an! Wann geht’s weiter?

    Und da ist gar nichts biografisches drin?

    Wie komme ich an den Birnenschnaps aus Florstadt-Stammheim?

    LG Michael

  11. Frank J. sagt:

    Hallo Michael,

    zu Deinen Fragen:

    1. Folge 2 ist seit gestern online.
    2. Kennst Du viele Geschichten, die nicht durch die Erfahrungen des Autors geprägt sind?
    3. Hier bei mir oder dort: Wetterauer Obstbrennerei

    -Frank

  12. Michael sagt:

    Vielen Dank für Deine Antworten, Frank!

    Natürlich habe ich Folge 2 schon gelesen! Die Spannung steigt! Das Niveau lässt nicht nach! Kann den August kaum erwarten!

    Wie gehst Du eigentlich vor? Hast Du das komplette Gerüst bis zum Ende inkl. der auftretenden Charaktere schon festgelegt und gestaltest nun Kapitel für Kapitel aus? Oder schreibst Du “einfach drauf los” und schaust, wohin (Dich, uns) das führt?

    LG Michael

  13. Frank J. sagt:

    Na, Michael, ich werde doch hier meine “Geheimnisse” nicht offenlegen! ;-)

    Soviel sei verraten: Die beste Partnerin und ich haben das Konzept der Geschichte in groben Zügen (nein, nicht im ICE!) erstellt. Von der ersten Idee bis zum Startschuss hat es ein paar Monate gedauert.

    Der Prozess des Schreibens ist dann wieder eine andere Sache. Da kommen spontane Ideen dazu, ich kann mir manchen Schlenker nicht verkneifen (einfach weil es Spass macht) — und das führt dann zwangsläufig wieder zu einer Anpassung des Konzepts. Zudem werden in der Realität des Schreibens natürlich auch Schwächen des Konzepts deutlich. Dann muss ich vom bisherigen Plan abweichen. Dieser Teil ist mühsam, denn ich muss einiges “Nachpflegen”, wie beispielsweise die (internen) Beschreibungen der Charaktere.

    Mittlerweile gibt’s fast ein halbes Dutzend an Konzept- und Dokumentationspapieren zu verschiedenen Bereichen. Ohne die wäre die Geschichte vermutlich nicht schlüssig — und ich bin fast sicher, dass mir an irgendeiner Stelle mal ein Bruch in der Logik unterlaufen wird.

    Alles in allem: Das ist eine wunderbare Herausforderung für mich. Und es freut mich, wenn das Ergebnis gefällt.

    -Frank

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