Grüsse aus der Wetterau (I)

18. Juli 2010 | von

Nach wenigen Spatenstichen entdeckte er ein weiteres Stück des Metalldrahts.  Boy legte den Spaten ab und stieg nun auch mit dem anderen Fuss in die Grube hinein.  Er bückte sich, soweit das in der engen Grube zu machen war.  Das hier sah besser erhalten aus, er konnte Reste einer Kunststoffummantlung entdecken.  Vorsichtig zog er daran, doch der Draht steckte wohl tiefer im Boden.  Boy streifte sich den rechten Arbeitshandschuh über und zog stärker.  Der Draht sass zu fest.  Hoffentlich ist das keine Müllkippe, die einer der Vorbesitzer illegal angelegt hatte, dachte er besorgt.

In der einbrechenden Dämmerung konnte er nicht erkennen, wohin genau das dünne Metall führte.  Er verlagerte das Gewicht auf den linken Fuss und zog noch einmal.  Mit einem Ruck löste sich der Draht, schnellte ihm entgegen.  Instinktiv duckte er sich weg – wurde aber im selbem Moment hart über dem rechten Auge getroffen.  Der Schreck liess ihn einen reflexartigen, hastigen Schritt zurück machen, doch stiess er gegen den Rand der ausgehobenen Grube.  Auf dem feuchten Lehm rutschten ihm die Füsse weg.  Er versuchte, sich mit der linken Hand festzuhalten, verpasste das freigelegte Holz und glitt seitlich unter die Reste der Wurzel des Kirschlorbeers. Fluchend befreite er sich aus der misslichen Lage, klopfte den Dreck von seiner Kleidung und holte eine Taschenlampe aus dem Haus.

Als er zurück kam, hatte es wieder angefangen zu regnen.  Kleine Regentropfen auf der Brille machten die Situation nicht leichter.  Ich hätte meinen Hut mitnehmen sollen, ärgerte er sich und wischte über seine feuchte, schmerzende Stirn.  Boy beleuchtete den Draht, der jetzt ausserhalb der Grube lag. Das Stück war gut erhalten, vielleicht einen Meter lang und seltsam verknotet.  An einem Ende hing der Stock, der ihn wohl am Kopf getroffen hatte.   Er nahm das Stück Holz in die Hand – und liess es vor Schreck augenblicklich wieder fallen.  Deutlich hatte er einen Knochen erkannt.  Er leuchtete erneut auf das längliche Gebilde.  Kein Zweifel, hier hatte jemand ein Lebewesen vergraben.  Ob das ein ehemaliger Hofhund war?  Dann hatte er ihn noch Jahre nach seinem Tod erschreckt, dachte er, fast ein wenig belustigt.  Ein guter Wachhund!  Ihm lief etwas ins Auge.  Er zog den Handschuh aus und betastete seine heftig pochende Stirn.  So schlimm war’s schon nicht, beruhigte er sich.  Mit einer leidlich sauberen Stelle des Ärmels wischte er sich das Blut von der Braue.

Boy wandte sich um und richtete den Strahl der Lampe in die Grube.  Ein paar kleinere Knochen lagen lose herum.  Was sollte er tun?  Einen toten Hund im Garten würde niemand interessieren, beschloss er.  Aber war es wirklich ein Hund?  Er war neugierig geworden.  Stockdunkel war es mittlerweile, in die von Mauern begrenzte Ecke fiel kein Lichtstrahl.  Vorsichtig stieg er nochmal in das Loch hinab, in der linken Hand die Taschenlampe.  Mit der rechten Hand hielt er sich an einer dicken Wurzel fest.  Der Spaten war dahinter gerutscht.  Er kam mit der Hand nicht an das Werkzeug heran, ohne möglicherweise wieder das Gleichgewicht zu verlieren.  Mit dem rechten Fuss zog er das völlig verschmutzte Werkzeug ein wenig zu sich heran.

Der zertrümmerte Schädel, der unter dem Spatenblatt verborgen war, hatte eindeutig menschliche Formen.  Die Zähne grinsten ihn gespenstisch an und Boy wäre fast wieder ausgeglitten.  Unter Schock sprang er aus der Grube, liess sich auf den feuchten Rasen fallen und lehnte den Oberkörper gegen die Wand der Scheune.  Wieder lief ihm das Blut ins rechte Auge und er wischte es achtlos über die Wange.  «Herr Hansen, ist alles in Ordnung bei ihnen?»  Seine Nachbarin stand am Gartenzaun und leuchtete ihn mit einer starken Taschenlampe an.  Ich muss ein Bild des Jammers abgeben, dachte Boy.

«Geht’s ihnen besser?», fragte der Mann und setzte sich zu Boy an den Esstisch.  «Ja, danke, Herr …?»  «Schmidt. Kriminalhauptkommissar Schmidt, mit dt», meinte der besorgte Polizist lächelnd.  «Und sie heissen?»  «Boy Hansen, geschrieben wie das englische Wort boy, gesprochen Bo-i.  Hansen ist dagegen einfach.»  «Woher kommt der Name?  Haben sie englische Vorfahren?»  «Nein, ich bin in Marne geboren.  Das ist in Dithmarschen an der Nordsee», fügte er hinzu, als er das fragende Gesicht des Kommissars sah.  «Kann ich ihnen jetzt ein paar Fragen stellen?», wechselte der das Thema.  «Ja, klar, ich bin schon wieder fit», meinte Boy.  Frau Glober hatte sich seiner angenommen, ihm ins Haus geholfen, die Wunde versorgt und die Polizei gerufen.  Eine patente Frau, dachte er.

Boy stand auf und nahm eine Flasche Wetterauer Birnenschnaps und zwei Gläser aus dem Regal.  «Möchten sie?», fragte er den Beamten.  «Hmm, warum nicht, der sieht gut aus», meinte der Kommissar.  Boy schenkte die Schnapsgläser voll.  «Aus Florstadt-Stammheim.»  «Hmm.»   Die beiden nippten still.  «Also, erzählen sie mal …», begann der Kommissar nach einer Weile.

Boy konnte nicht einschlafen.  Immer wenn er die Augen schloss, tauchten die knochigen Überreste auf.  Der Schädel grinste ihn an und er bildete sich ein, den Knochen auf sich zufliegen zu sehen.  Seit zwei Stunden lag er jetzt bereits wach.  Die Polizei hatte ihre Scheinwerfer gegen drei Uhr morgens ausgestellt und war endlich abgerückt.  Zwei Beamte hatten eine Zeitlang gegraben, doch Boy war in seinem Zustand nicht sonderlich interessiert an ihren Ergebnissen.  Vielleicht nahmen sie ihm ja die ganze Arbeit ab und holten den Kirschlorbeer vollständig heraus?  Er musste grinsen:  Ob sie die Kastanie im Obstgarten auch gleich ausgraben würden, wenn er ihnen von einem Knochenfund unter dem Bäumchen erzählte?

Dem Kommissar hatte er nicht viel helfen können, aber der war nicht besonders aufdringlich und seine Fragen freundlich.  Seltsam, dass er den Obstbrand angenommen hatte.  Im Fernsehen lehnen Polizisten solche Angebote immer ab, dachte er noch, als er schliesslich doch einschlief.  Charly drehte sich etwas auf dem gemütlichen Lager, als dass er Boys Hemd und Hose auf dem Sessel ausgemacht hatte.  Der Kater zuckte in seinen Träumen, die sich vermutlich um eine besonders grosse Maus drehten, die er nach einer aufregenden Jagd natürlich erwischen würde.

Wieder riss ihn die Klingel aus dem Schlaf.  Da Boy den Bademantel nicht fand, schlurfte er in seinem blauen Schlafanzug schlaftrunken zur Tür.  Vor ihm stand ein unbekannter Mann.  Was wollte der schon so früh?  «Sind sie Boy Hansen?»  «Ja, allerdings nicht boy, sondern Bo-i.  Was wollen sie?“ fragte Boy gereizt.  «Albert Weiss, Polizei Friedberg», antwortete ihm der Mann.  «Es liegt etwas gegen sie vor, dazu würde ich sie gerne befragen.  Darf ich reinkommen?»


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13 Kommentare auf "Grüsse aus der Wetterau (I)"

  1. Rosemarie Tänzer sagt:

    Hallo Herr Jermann,

    gehe ich recht in der Annahme, daß es sich bei manchen Charakteren um Ihnen bekannte Personen handelt?

    Der Roman ist echt gut geschrieben. Schön fließend und läßt sich sehr gut lesen. Glückwunsch!

    Grüße
    Rosemarie Tänzer

  2. Frank J. sagt:

    Hallo Frau Tänzer,

    prima, dass es ihnen gefällt. Ich hoffe, dass ich dieses “Mammutprojekt” gut durchhalte und Ihnen weiterhin gute Unterhaltung bieten kann.

    Zu Ihrer Frage: Ich beschreibe keine realen Personen — ebenso wie die Handlung sind sie natürlich frei erfunden. Wie heisst es so schön: “Jede Übereinstimmung mit lebenden oder toten Personen ist zufällig und nicht gewollt.”

    Das gilt auch für die Geschichte “Grüsse aus der Wetterau”.

    Mit bestem Gruss

    Frank Jermann

  3. Naja, beim “Kriminalhauptkommissar Schmidt” mit “dt” könnte man schon an Kriminalhauptkommissar Schmidt denken…
    Ich bin gespannt auf die nächste Folge!
    Gruss
    Alexander

  4. Frank J. sagt:

    Moin Alexander,

    jetzt sag nicht, dass es in Friedberg einen Kriminalhauptkommissar Schmidt gibt!?

    Fragt

    Frank

  5. Aus der Pressemappe der Polizei Wetterau-Friedberg:
    “…wie der Leiter des Bereiches … Kriminalhauptkommissar Klaus-Dieter Schmidt erläuterte…”
    ;-)
    Antwortet
    Alexander

  6. Frank J. sagt:

    Nicht zu glauben! Danke für den Hinweis, Alexander.

    Ich habe diese Laune des Schicksals mit einem Telefonat klären können. Hier gibt’s die Lösung (in der Anmerkung von heute).

    -Frank

  7. Uta sagt:

    Hi Frank,
    weiter schreiben bitte!
    LG Uta

  8. Frank J. sagt:

    Ja, Uta, mit Vergnügen. Doch gemach: Sommer = zwölf Wochen! :-)

    Sonntag, ok?

    Alles Gute von

    Frank

  9. Uta sagt:

    jaja, ich weiß: gut Ding will Weile haben… Also gut ich warte!
    Uta

  10. Michael sagt:

    So, so, das kann er also auch! Chapeau!

    Das lässt sich ja prima an! Wann geht’s weiter?

    Und da ist gar nichts biografisches drin?

    Wie komme ich an den Birnenschnaps aus Florstadt-Stammheim?

    LG Michael

  11. Frank J. sagt:

    Hallo Michael,

    zu Deinen Fragen:

    1. Folge 2 ist seit gestern online.
    2. Kennst Du viele Geschichten, die nicht durch die Erfahrungen des Autors geprägt sind?
    3. Hier bei mir oder dort: Wetterauer Obstbrennerei

    -Frank

  12. Michael sagt:

    Vielen Dank für Deine Antworten, Frank!

    Natürlich habe ich Folge 2 schon gelesen! Die Spannung steigt! Das Niveau lässt nicht nach! Kann den August kaum erwarten!

    Wie gehst Du eigentlich vor? Hast Du das komplette Gerüst bis zum Ende inkl. der auftretenden Charaktere schon festgelegt und gestaltest nun Kapitel für Kapitel aus? Oder schreibst Du “einfach drauf los” und schaust, wohin (Dich, uns) das führt?

    LG Michael

  13. Frank J. sagt:

    Na, Michael, ich werde doch hier meine “Geheimnisse” nicht offenlegen! ;-)

    Soviel sei verraten: Die beste Partnerin und ich haben das Konzept der Geschichte in groben Zügen (nein, nicht im ICE!) erstellt. Von der ersten Idee bis zum Startschuss hat es ein paar Monate gedauert.

    Der Prozess des Schreibens ist dann wieder eine andere Sache. Da kommen spontane Ideen dazu, ich kann mir manchen Schlenker nicht verkneifen (einfach weil es Spass macht) — und das führt dann zwangsläufig wieder zu einer Anpassung des Konzepts. Zudem werden in der Realität des Schreibens natürlich auch Schwächen des Konzepts deutlich. Dann muss ich vom bisherigen Plan abweichen. Dieser Teil ist mühsam, denn ich muss einiges “Nachpflegen”, wie beispielsweise die (internen) Beschreibungen der Charaktere.

    Mittlerweile gibt’s fast ein halbes Dutzend an Konzept- und Dokumentationspapieren zu verschiedenen Bereichen. Ohne die wäre die Geschichte vermutlich nicht schlüssig — und ich bin fast sicher, dass mir an irgendeiner Stelle mal ein Bruch in der Logik unterlaufen wird.

    Alles in allem: Das ist eine wunderbare Herausforderung für mich. Und es freut mich, wenn das Ergebnis gefällt.

    -Frank

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