Schmeissfliegen
20. Juli 2010 | von Frank J.![]()
Der Sommer auf dem Land hat auch unangenehme Seiten: Die Fliegenplage beispielsweise! Die letzten Jahre hielt ein Netz an der Tür zum Garten die surrenden Plagegeister weitgehend aus den Wohnräumen heraus. Doch nach dem letzten Sturm sind die verbliebenen Fetzen des Netzes wohl eher ein Wegweiser für die kleinen Biester: Hier geht’s rein!
Jetzt sollte es eine stabilere Lösung werden, eine Art Vorhang vor der Tür, weit ausholend, nach venezianischem Vorbild. Der derbe Segeltuchstoff war schnell im Internet gefunden, ich zahlte online — und spätestens letzten Freitag sollte die Lieferung erfolgen. Ha, wartet nur, ihr schillernden Viecher mit viel zu haarigen Beinen, um mir auch nur ansatzweise sympathisch zu sein! Bald ist es aus mit den widerstandslosen Besuchen in der Küche!
Freitagabend. Das Paket war nicht angekommen — dafür fischte die beste Partnerin von allen eine Benachrichtigung des Zustelldienstes GLS aus dem Briefkasten. Die Grusskarte bedeutete, dass das Paket nicht ausgeliefert werden konnte. Verwunderlich, denn wir waren beide den ganzen Tag daheim. Nun, die Karte würde Aufklärung bringen. Während ich sie studierte, blickten mich zwei junge Lucilia (Goldfliegen) höhnisch grinsend von meinem Käsebrot aus an.
Auf der Karte war kein Kreuzchen, kein Hinweis auf den Vorgang zu finden, aber ein handschriftlicher Vermerk sollte den Verbleib des Pakets erklären. Ich rückte meine Brille zurecht: Was stand dort? «Vwe TOabeklads Oppestolesost 13 Wol»? Die neu hinzugekommene Fliege auf der Leberwurst klatschte sich gerade mit den Kollegen ab. So wie es aussah, würde hier so schnell kein Vorhang den Weg zur Nahrung verwehren.
War das nun die Adresse des Nachbarn, bei dem das Paket lag oder die einer Abholstelle? Ich war ein wenig ratlos — aber in diesen Fällen hilft ja gerne eine Hotline aus. In der Regel melden sich freundliche, aber ahnungslose Menschen mit sächsischem Tonfall, um eine mächtige Hilfsmaschinerie in Gang zu setzen. Ein Anruf und das Paket wäre bestimmt noch am selben Abend hier, denn: Konnte GLS sich erlauben, mich als Kunden zu verlieren? Selbstsicher verpasste ich der Butter ein Gittermuster mit der Fliegenklatsche. Euch werd’ ich kriegen, naja, vielleicht beim nächsten Versuch.
Die Hotline von GLS ist noch besser als nur eine heisse Linie — es ist eine Service-Hotline. Genussvoll liess ich das Wort auf meiner Zunge zergehen — bis ich entdeckte, dass der Service am Freitag um 19 Uhr endet und erst wieder am Montag um acht beginnt. Die Gruppe von sieben Schmeissfliegen war weitergezogen zum Brotkorb. Bei genauerem Hinsehen entdeckte ich, dass sie sich ausgelassen Krümel zuwarfen.
Ein Anruf war also sinnlos um diese Zeit. Schade für GLS, denn die berechnen den Kunden 0,95 Euro pro Minute, wenn der Paketmann das Paket nicht abliefert, und auch nicht verraten mag, wo er es abgestellt hat. Ist ein Anruf bei einer Call-In-Sendung dieser Blutsauger von 9Live eigentlich günstiger? — aber halt: Hier geht es ja nicht um Stechmücken, sondern um Schmeissfliegen.
Eine eMail — das war’s, kostenlos noch dazu. Meine Anfrage schwirrte bald fliegengleich zielgerichtet durch die unendlichen Weiten des Internets. Bestimmt würde das Paket nun ganz fix hier sein, dachte ich. Um ganz sicher zu gehen, suchte ich noch die zuständige Paketstation von GLS heraus und rief dort an. Mein Paket war dort, in dem kleinen Laden in Wölfersheim! Also eigentlich schon bei mir. Fliegen, ihr könnt schon mal packen!
Vor Montag würde ich die Lieferung nicht bekommen, holte mich die durchaus nette Dame wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Sie war allerdings weder verantwortlich noch zuständig, was ich nach der vierzehnten Wiederholung dann auch begriff. Ich könnte es aber mal unter der Telefonnummer 0 26 64 - 91 33 33 versuchen, meinte sie. Natürlich war dort am Freitagabend niemand mehr zu erreichen. Nicht mal mehr eine Schmeissfliege ging ans Telefon. Naja, die spielten ja auch alle Handball bei mir in der Küche.
Am Montag rief ich zuerst nochmal unter der 0 26 64 an. Die Mitarbeiterin nahm den Vorfall bedauernd zur Kenntnis, wollte aber zuerst einmal mit dem Zusteller sprechen. Erst danach würde man ihn der Inquisition zuführen, vermutete ich. Ich bekäme einen Rückruf.
Als am Nachmittag kurz vor 15:00 Uhr immer noch kein Lebenszeichen per eMail, Telefon oder gar Paketzusteller mit Segeltuch unter dem Arm in Heuchelheim angekommen war, während die Fliegen mittlerweile dabei waren, den Kühlschrank mit Werkzeugen aus der Besenkammer zu öffnen, war meine Geduld am Ende. Ich versuchte meine billigsten Telefontricks und kam schliesslich in die Telefonzentrale von GLS durch. Beschwerde war mein Thema, ach was: Rache! Mein Blutdurst war erwacht, ich wollte Leichen sehen — und ich meinte keine Fliegenleichen!
Die gute Dame hörte mir zwar gelangweilt zu, kam aber immer nur wieder auf das Paket zu sprechen. Vergiss das Paket, dachte ich, lass uns den Zusteller, seine Chefs und alle Telefonistinnen sämtlicher Paketzustelldienste lynchen. Jetzt, sofort! Mein innerer Mob hatte das Seil schon geholt, die Eiche auf dem Dorfplatz war vorausschauend schon vor langer Zeit gepflanzt worden. Los also! Auch damit fand ich kein Gehör. Man wolle zurückrufen. Als ich auflegte, sassen kichernde Fliegen auf meinem Schreibtisch. In 12er-Reihen, mindestens. Sie konnten nicht ahnen, dass gleich ein Wunder geschehen würde …
Der freundliche GLS-Mitarbeiter aus der Wetterau rief zehn Minuten später an, suchte die Kopie der Benachrichtigungskarte heraus, konnte sie ebenfalls nicht entziffern, wunderte sich mit mir über das nicht zugestellte Paket und fragte schüchtern, ob denn eine Lieferung am Dienstag gegen 10 Uhr noch ok sei. Ich fragte noch vorsichtig nach, ob er denn wirklich zuständig sei, doch er beharrte darauf, dass er die Sache in die Hand nehmen würde. Nicht das Paket, aber die Sache.
«Also morgen, zehn Uhr?», fragte ich nach. Die auf meinem Schreibtisch sitzende Fliegenmeute schüttelte heftig mit ihren Köpfen, deutete mit ihren Fühlern auf den Kalender von 2011 und begann vorsichtshalber, das Telefonkabel aus der Wand zu ziehen. «Ja, bestens!», rief ich noch in den Hörer, bevor mich die schwarzen Biester vom Bürostuhl kippten.
Auf allen Vieren kroch ich aus dem Raum, bahnte mir einen Weg zwischen Essenresten (den Zugang zum Kühlschrank hatten sie mittlerweile gefunden) und offenen Weinflaschen (wie haben die bloss die Korken ziehen können?) ins Freie. Als die beste Partnerin von allen nach Hause kam, fing ich sie ab und wir übernachteten unter einer Brücke an der Wetter. Die paar Frösche neben unserem provisorischen Lager waren uns sehr willkommen.
Am nächsten Morgen fuhr ich rechtzeitig nach Hause, um gerade noch zu erleben, wie zwei extra-dicke Brummer, die eine Mordsfahne hatten, Briefkasten und Namensschild abmontierten. Der Rest der Truppe lag vollgefressen auf dem Boden im Haus. Die Rettung würde trotzdem um 10 Uhr kommen, ihr fieses Fliegengeschmeiss. Hehe!
Pünktlich um 12:20 Uhr bog der Mann von GLS um die Ecke. «Wer soll das lesen können?» fragte ich, und hielt ihm die Benachrichtigungskarte unter die Nase. «Ich kann’s lesen», meinte er, «hab’s ja auch geschrieben.»
Als er wieder ging, hätte ich schwören können, dass da für einen Augenblick ein Flügel zuckte unter seinem grün-schillernden Hemd.
-fj
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Moin Frank,
die Geschichte hätte von mir sein können. Zwar nicht wegen den Fliegen, aber wegen GLS und dem gleichen Zirkus bei einer Zustellung. Irgendwie war auch bei uns “keiner zu Hause”. Aber jetzt kenn ich wenigstens den kleinen knuffigen Laden in Södel.
Das auf der Karte heisst übrigens:
Lux Tabakladen
Oppershofener Straße 13 (richtig ist wohl 15)
Wöl(fersheim)
Gruß
Alexander
Hallo Alexander,
jetzt sag nicht, dass Du das lesen konntest! Raten: Ja. Woanders raussuchen: Ja. Aber lesen?
-Frank
Hi Frank,
nein, Du hast schon recht: Man kann das nicht lesen.
Ich konnte es erraten, weil ich wusste, worum es ging und was eigentlich heissen soll…
-Alexander
Hallo Frank,
ein gutes hatte GLS aber doch: wir haben einen schönen Artikel lesen dürfen ;-)
Ansonsten kann ich nur DHL empfehlen, die Packstation im Mühlahl ist so was von bequem.
Gruß
Martin
So schön fotografiert sehen Fliegen ja fast schon wie reizende Wesen aus!
Hat Reichelsheim den selben GLS Fahrer wie Bad Homburg? Kann das sein? Bei uns hat die halbe Nachbarschaft gesucht, nachdem auf der Benachrichtigungskarte vermerkt war, dass das Paket auf der Terrasse hinter dem Umzugskarton stehen würde…
(wir wohnen in einer Anlage mit immerhin 10 Terrassenwohnungen, wir selbst in der 2. Etage!)
LG Uta
Vielleicht ist es der selbe Fahrer — vielleicht gehört diese Art der Auslieferung von Sendungen aber auch einfach zur Standardschulung eines GLS-Mitarbeiters. So wie den netten Verkäufern bei McDonalds die Fragen nach einer grösseren Burger-Version mit “extra Käse”, “extra Ketchup” und “extra Herzverfettung” antrainiert werden, so könnte doch bei GLS ein Kurs zur Mitarbeiterqualifizierung zum Thema “Wie sehe ich die genervten Gesichter der Kunden nicht — und werde meine Pakete trotzdem los?” angeboten werden. :-)
-Frank
Das wäre eine Erklärung, ja!
Kann aber auch sein, dass mich der Fahrer als persönlichen Feind betrachtet: Er war auch früher schon für Lieferungen zum ILOG Büro zuständig…
Hängt das Segeltuch? Ansonsten kann ich ja mal vorbei kommen und zur Abschreckung den Viechern “Das Tapfere Schneiderlein” vorlesen. :-)
LG UTA
Nein, Uta, das Segeltuch hängt noch nicht. Der Chefingenieur fertigt noch diverse Blaupausen an und hängt bei den statischen Berechnungen ein wenig hinterher. Die Nähwerkstatt (= die tapfere Schneiderleinin) hat zudem gerade Sommerstress — es wird wohl noch ein wenig dauern.
Zum Pech für die Brummer und Glück für uns hat sich der Sommer ja zu einer Eispause entschlossen und die Tür zum Garten ist meist geschlossen. Die Eispause ist andererseits auch Pech für mich, denn sie bedeutet: Seit Tagen wegen zu niedriger Temperaturen kein Schokoladeneis mehr.
Aber wenn’s wieder warm wird, bestelle ich sieben Packungen auf einen Streich! GLS liefert bestimmt eiskalt und präzise.
-Frank