Grüsse aus der Wetterau (II)

26. Juli 2010 | von

«Mist!», entfuhr es Albert Weiss, der den Preis eines fahrbereiten 53er Opels ahnte.  Boy Hansen war mit drei Schritten an seiner Seite.  «Haben sie sich verletzt?»  «Ach was, aber das Auto hat bestimmt eine Delle!»  Er leuchtet auf die Heckklappe und Boy entfernte vorsichtig einen aufgerollten Schlauch, eine rostige Kette und eine Rolle Draht.  Die frischen Kratzer waren deutlich zu erkennen.  Nun hatte er doch noch welche gefunden – allerdings war er selber dafür verantwortlich.

«Halb so schlimm, ich habe mir gerade eine neue Heckklappe besorgt», meinte Boy Hansen und deutete in eine andere dunkle Ecke der Scheune.  «Diese hier ist verzogen, schliesst nicht richtig und rostet an der Kante immer mehr.»  «Heisst das – dass der Schaden keiner ist?», wagte Albert Weiss zu hoffen.  «Ja, machen sie sich keine Gedanken.  Nächste Woche will ich die eh austauschen.»  Der Polizist war sichtlich erleichtert, als sie aus der Scheune ins Freie trat.

«Wo hat denn der Unfall stattgefunden?», kam Boy wieder auf den eigentlichen Grund des Polizeibesuchs.  «Hier in Solmsheim.  Einer ihrer Nachbarn hat angeblich ihren Feuerwehrwagen gesehen, wie er in einen Zaun fuhr.  Na, sie werden den Zaun ja sowieso sehen, also kann ich es ihnen auch sagen:  Herr Baumann von gegenüber hat sie in der Nacht von Freitag auf Samstag beobachtet.»

Boy Hansen war erstaunt.  Dass ihn der alte Mann nicht mochte, daran hatte er nie gezweifelt.  Dass er ihn aber ohne Grund anzeigte, das hätte er ihm nicht zugetraut.  Warum aber eigentlich nicht, dachte er.  Ich kenne ihn ja kaum.  Einen besonders vertrauenswürdigen Eindruck machte der Mann nicht gerade.  «Da bin ich tatsächlich nach Hause gekommen, aber seinen Zaun habe ich ihm bestimmt nicht umgefahren.»  «Ja, das habe ich ja nun gesehen und dokumentiert.  Ich werd noch mal mit ihm reden.  Sie haben kein gutes Verhältnis, oder?»  «Wir haben gar kein Verhältnis, Herr Baumann legt es allerdings darauf an, mir Ärger zu machen.  Ich ignoriere ihn so gut ich kann.»

Der Polizist bedankte sich, verliess die Hofreite und klingelte nochmal bei Ernst Baumann.  «Na, hat er gestanden?»  «Herr Baumann, ich konnte keinerlei Spuren feststellen, die auch nur ansatzweise zu dem Schadensbild am Zaun passen.  Könnte es sein, dass sie sich geirrt haben?»  «Ja, was fällt ihnen ein!  Ich hab’s genau gesehen!  Dann hat er die Schäden beseitigt, hat ja den ganzen Tag nichts zu tun, der Kerl!»  «Herr Baumann, verstehen sie bitte:  Es mag ihnen ja jemand in den Gartenzaun gefahren sein – der Feuerwehrwagen war es aber bestimmt nicht.  Bitte überlegen sie nochmal ganz genau.»  «Das war so, wie ich es gesehen habe.  Der Hansen war’s.»

«Ich lasse ihnen meine Karte hier, wenn sie ihre Aussage vielleicht noch korrigieren wollen, Herr Baumann.  Bitte bedenken sie, dass wissentlich falsche Angaben strafrechtliche Folgen für sie haben können.»  «Papperlapapp!», fuhr Ernst Baumann mit sich überschlagender Stimme aus der Haut.  «Ich werde mich über sie beschweren!  Darauf können sie sich verlassen!»

Albert Weiss verabschiedete sich so höflich wie nötig und fuhr zurück nach Friedberg.  Wunderbar, diese ruhigen Sonntagsdienste, dachte er lächelnd.  Jetzt freute er sich doch ein wenig auf die ruhige Arbeit am Computer, wenn er gleich die Spesenabrechnung erledigen würde.

Als er auf den Parkplatz der Polizeidirektion fuhr, sah Peter Schmidt, wie Albert Weiss gerade aus seinem Auto stieg.  Jetzt auf einen anderen Parkplatz zu fahren, würde nur dessen Aufmerksamkeit erregen.  Also stellte er sein Fahrzeug links neben dem seines Kollegen ab und hoffte, dass der die frischen Unfallspuren nicht bemerken würde.

«Hallo, Peter, wie geht’s?  Dienst heute?.»  «Ach, diese Leiche in Solmsheim gestern Nacht, ich will da ein wenig Dampf machen und war sowieso auf dem Weg hier vorbei.  Ein Blick in die Akte und ins Archiv kann nicht schaden.  Wir haben Draht gefunden, vielleicht war’s die Mafia.»  Albert Weiss wunderte sich über den ungewohnten Diensteifer seines Kollegen.  Zusammen gingen sie ins Gebäude.  «Ich war gerade da draussen in Solmsheim wegen einer Verkehrsunfallflucht», bemerkte er möglichst beiläufig.  «Hab den Garten gesehen – da haben die Kollegen ja gut umgegraben», versuchte er zu scherzen.

Kommissar Schmidt runzelte die Stirn, als er ausser Sichtweite war.  Gut, dass er sich gleich ins Büro aufgemacht hatte.  Mit Pech könnte sich die Sache schlecht entwickeln.  Jetzt schlich schon der Weiss da rum – und der entdeckte immer mehr als andere Kollegen.  Und diesen Fall wollte er schnell und ohne Aufsehen erledigen.  Wenn der Tote tatsächlich Stefan Perrone war, wäre es schwierig, Thomas da rauszuhalten.

Er setzte sich an den Computer und begann zu suchen.  Dunkel erinnerte er sich an ein paar Morde in der Wetterau und in Frankfurt, die um die zwanzig Jahre zurück lagen.  Mit etwas Glück würden ihm diese alten Geschichten helfen.  Besser: Sie könnten Thomas Pipp helfen.

Nach wenigen Minuten hatte er entdeckt, was er vermutete:  Die italienische Mafia, genauer ein Arm der Camorra aus Neapel, hatte hier in der Gegend einige Jahre unter anderem versucht, Schutzgelder zu erpressen.  Dabei war es zu schwerer Gewalt und auch Morden gekommen.  Er klickte auf das Täterbild:  Giovanni Andrea Lazzari sass in der Justizvollzugsanstalt Frankfurt ein.  Siebenfacher Mord, mehrere Mordversuche, schwere Körperverletzung und andere, vergleichsweise kleine Delikte würden diesen Mann nie mehr aus der Vollzugsanstalt kommen lassen.  Da liesse sich etwas machen …

Natürlich behielt Annemarie Glober bereits den ganzen Tag die Tür zu Boy Hansens Garten im Auge.  Bisher war nur ein fremder Mann herausgekommen, bestimmt wieder ein Polizist, denn der hatte die Mördergrube nochmal untersucht.  Als ihr Nachbar dann endlich am frühen Nachmittag durch die Tür in die Sonne trat, war sie auch schon am Gartenzaun.  «Wie geht’s ihrer Stirn, Herr Hansen?»

Boy wusste, dass er nun mindestens die nächste Stunde beschäftigt sein würde.  «Wollen sie rüberkommen und sich den Tatort anschauen?», fragte er statt einer Antwort.  «Ja, gerne!», platzte es förmlich aus Frau Glober heraus.  Boy hatte richtig geraten: Sie kam fast um vor Neugier.  Während die ältere Dame wenig würdevoll aus dem eigenen Garten heraus auf die Strasse und durch die kleine Pforte in den Nachbargarten schoss, schlenderte Boy bereits zu dem grossen Loch, das der Erkennungsdienst ausgehoben hatte.  Der Kirschlorbeer war vollständig ausgegraben und die Reste lagen ein paar Meter entfernt auf dem Rasen.  Boy musste grinsen.

Frau Glober tänzelte aufgeregt um die Absperrung herum.  «Darf man da noch nicht hin?» fragte sie enttäuscht.  «Ich weiss nicht, solange ich nichts anderes höre, sollten wir da nichts verändern.  Was meinen sie: Ich hole zwei Stühle und wir geniessen die Zeit hier in der Sonne?»  «Ja, und sie erzählen mir alles?»  «Natürlich, Frau Glober.»

Als Boy mit den beiden Klappstühlen aus der Tür des ehemaligen Schweinestalls trat, sah er seine Nachbarin aufgeregt an der alten Holzverkleidung des Wohnhauses stehen, auf den Zehenspitzen federnd.  Dass sie aber auch nicht einmal ruhig dastehen kann, dachte er, als er die knarrende Tür hinter sich schloss.  Sie wollte offenbar nach irgend etwas greifen – kam aber wohl nicht ganz heran.

«Na, Frau Glober, was haben sie gefunden?»  «Sehen sie, da hängt was!»  Boy schaute genau hin und sah ein paar golgene Stellen in der Sonne glitzern.  Auch für ihn hing das zu hoch.  «Sieht aus wie eine Kette», meinte er.  «Schmutzig.  Die kann da noch nicht lange hängen.  Das wäre mir aufgefallen, so wie die in der Sonne blinkt.  Wie mag die da hingekommen sein?»  Er überlegte und erinnerte sich an den heranschnellenden Knochen am Draht, der ihn vor noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden an der Stirn getroffen hatte.  Sollte diese Kette da dran gehangen haben?  Er prüfte die Richtung – das käme hin.

«Vielleicht habe ich das gestern unbewusst mit dem Knochen aus der Grube gezogen und es ist im hohen Bogen dort hinaufgeflogen?»  «Sie meinen, das könnte dem Toten gehört haben?», fragte Annemarie Glober mit entsetzt geweiteten Augen.  «Na, denkbar ist es.  Die Polizei hat das im Dunkeln dort oben sicher übersehen.  Mit dem Stuhl komme ich vielleicht ran», meinte er, stieg auf den wackligen Klappstuhl, machte sich lang und länger und erreichte schliesslich die Kette mit den Fingerspitzen.  Er zog ein leicht daran und sie fiel aus der maroden alten Holzverkleidung auf den Boden ins Gras.

Mit flinken Schritten war seine Nachbarin zur Stelle und hob die eher grobe Kette auf, noch ehe Boy vorsichtig vom Stuhl gestiegen war.  Er drehte sich zu ihr um und bemerkte, wie sie auf ein kleines, verschmutztes Goldplättchen starrte, das an der erdverkrusteten Kette hing.  «Mein Gott», flüsterte sie, nachdem sie den Anhänger mit dem Daumen gesäubert hatte.  Mit einem hörbaren Plumps setzte sie sich auf den zweiten Stuhl.  «Die Kette – kenne ich.»  Ihre Stimme klang rauh.  Boy nahm seine Brille ab, hielt das Goldplättchen nah genug vor die Augen und las: «Francesca».

«Und ich weiss, wer der Tote war», sagte Frau Glober aus einer Mischung aus Stolz und Entsetzen.


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