Grüsse aus der Wetterau (IV)
13. August 2010 | von Frank J.![]()
«Hey, Mike, träumst du?» Boy fand seinen Gast sehr angenehm. Der Amerikaner sprach seinen Namen zwar zu sehr betont aus, doch war er höflich, zuvorkommend und interessiert. Boy hatte nach dem Frühstück ein paar Minuten gebraucht, um ein Telefonat mit einem Dachdecker zu führen. Beim gestrigen Besuch auf dem Dachboden waren ihm ein paar lose Bieberschwanzziegel aufgefallen. Als er damit fertig war, sass Mike versunken auf dem Sofa. Waltraud hatte angeboten, das Frühstücksgeschirr in den Geschirrspüler zu räumen und befand sich in der Küche.
«Oh, Bo-ee, da bist du ja wieder. Ich habe gerade daran gedacht, was hier anders ist. Ich meine, irgendwie erinnere ich mich, dass ich schon mal hier war.» «Na ja, du sitzt gerade im alten Gastraum der Pizzeria, aber da dürfte sich viel verändert haben», vermutete Boy. «Ich kann mich schwach an den Blick aus dem Fenster erinnern. Da drüben der Efeu – mir ist, als hätte ich das schon mal gesehen.» «Und so wird’s auch sein», stimmte Boy ihm mit einem Blick auf die wuchernde Kletterpflanze zu. «Komm, wir gehen mal in die alte Wohnung, vielleicht kommen dir dort noch einige Erinnerungen.»
Boy schloss die untere Tür auf. Die beiden Männer gingen die Treppe hinauf. Er war hier nicht oft gewesen, die Tapeten hingen im oberen Bereich teilweise von den Wänden, alles sah nach den 80er oder gar 70er Jahren aus. Ein paar Möbel standen noch herum – gar nicht mal in schlechtem Zustand – und Boy fragte sich zum wiederholten Mal, warum Thomas Pipp ihm die Hofreite einfach so verkauft hatte. Schliesslich hatte sie ihm knapp 20 Jahre gehört und da müssten doch Erinnerungen dranhängen – doch ihm kam es so vor, als hätte er sie fluchtartig verlassen.
Als sie oben in den Flur traten, war es dunkel. Boy fand keinen Lichtschalter und sie gingen in die Räume mit Fenstern. Mike schaute sich um und schüttelte mit dem Kopf. «Ich kann mich an nichts erinnern», meinte er. «Kein Wunder, du warst damals ein kleines Kind, hattest vermutlich nicht mal ein eigenes Zimmer.»
Auf der Treppe hörten sie Schritte. Waltraud steckte den Kopf durch die Tür. «Ich war ein oder zweimal hier oben. Dein Vater», sagte sie an Mike gewandt, «hatte hier mit seinen Eltern gewohnt, bis sie bei diesem Unfall umkamen. Ich war damals noch nicht mal geboren. Stefan ist dann zu seinen Grosseltern gekommen und drüben im Hauptgebäude aufgewachsen. Als Jugendliche sind wir aber ab und zu hier hochgegangen, haben Bier getrunken und geraucht. Stefan, Thomas, Peter und ich.» «Thomas, war das Thomas Pipp?», fragte Boy. «Ja, Thomas Pipp, der Koch und Peter Schmidt. Der ist heute bei der Polizei.» Boy schaute erstaunt. «Ihr wart alle befreundet? Das ist ein Ding! Ich kenne Thomas Pipp vom Kauf des Hofs und der Schmidt war an dem Abend hier, als ich die Leiche – entschuldige Mike: deinen Vater – gefunden habe.» Waltraud schaute Boy offen an. «Ja, wir waren befreundet – und eigentlich wollten alle drei etwas von mir. Ich aber nicht von ihnen.»
Mike hatte schweigend zugehört, denn die beiden unterhielten sich auf Englisch. Schliesslich wollten sie den Amerikaner nicht ausgrenzen. «Was ist denn aus meinem Vater geworden, nachdem meine Mutter ihn verlassen hatte?» Boy schaute verwirrt, musste sich erst die Geschichte ins Gedächtnis rufen, die Waltraud ihm am Nachmittag des vorangegangenen Tages erzählt hatte. «Tja, das ist aus heutiger Sicht komisch, doch hat sich damals niemand Gedanken darüber gemacht. Francesca, also deine Mutter, hat mir erzählt, dass sie sich von Stefan trennen wolle. Ihr Ziel war New York, sie hatte dort Verwandte. Kurze Zeit später war Stefan dann verschwunden. Ich glaube, dass Thomas irgendwann eine Postkarte aus New York von ihm bekommen hat. Stefan verschickte immer Postkarten von unterwegs.»
Mike spürte einen Kloss im Hals. Die alten Geschichten über seine Familie gingen ihm näher, als er es sich eingestehen wollte. Dazu kam dieser Ort hier, von dem er wusste, dass er ein Teil seines Lebens war – und irgendwie erinnerte er sich ja sogar an wenige Bruchstücke. «Mein Vater war nie bei uns in New York City», meinte er. «Meine Mutter hätte mir davon erzählt, zumindest in Baton Rouge in den Monaten vor ihrem Tod. Seltsam …»
Boy spielte mit einem alten Streichholzheftchen, dass er auf einer Fensterbank gefunden hatte. Er hielt inne, als er die Beschriftung auf der kleinen Papphülle sah: «Carnegie Deli, 854 7th Avenue at 55th Street, New York, New York, 10019», las er vor. «Also, irgendwer, der in diesem Zimmer war, war auch mal in New York. Da spricht wohl doch manches dafür, dass dein Vater dort drüben war.» Er reichte seinen Fund weiter an Mike. «Wer hat hier nach meinem Vater gewohnt?», fragte er Waltraud. «Stefans Freund Thomas, der hat den Hof damals von Stefan gekauft.» «Und wie soll das gegangen sein?», wand Boy ein. «Stefan geht in die USA, von einem Tag auf den anderen, wie du sagst. Zumindest ist er verschwunden. Irgendwann kauft ihm sein Freund Thomas Pipp den Hof ab. Dann landet Stefan Perrone hier im Garten, einen Meter unter dem Kirschlorbeer – irgendwas passt da doch nicht zusammen.»
«Ich werde mal mit diesen Thomas Pipp reden», überlegte Mike laut. Und an seine Begleiter gewandt: «Wisst ihr, wo der jetzt ist?» «Das weiss hier jeder», meinte Waltraud. «Thomas macht gerade eine grosse Karriere als Koch in Frankfurt. Er ist bald im Fernsehen.» «Wow!», entfuhr es Mike. «Gibt’s hier bei euch auch diese Flut von Kochsendungen?» «Es ist furchtbar!», stöhnte Boy. «Jeder Kanal kocht! Und die meisten Köche sind ein Witz.»
«Kommt, lasst uns gehen», meinte Waltraud, der die herabhängenden Tapeten nicht sonderlich gefielen – und die auch nicht weiter über ihren Jugendfreund Tom Pipp reden wollte. War der in Boys Augen auch ein Witz? Sie fand seine Bemerkung ziemlich taktlos und überheblich. Waltraud ging voraus in den dunklen Flur. «Warte, ich mache Licht, hier ist ein Schalter.» Mike wollte hilfreich sein und tatsächlich war es zumindest schummrig im vielleicht vier Meter langen Korridor. Die kleine Deckenleuchte sah aus, als gehörte sie eher auf den Flohmarkt. Immerhin war es nun so hell, dass Boy an der Wand hinter der Eingangstür ein grosses Plakat entdeckte. Es zeigte den verstorbenen Musiker John Lennon, der in cooler Pose vor ein paar Wolkenkratzern stand. «Hey, schon wieder New York – und vielleicht hat John Lennon sogar noch gelebt, als das Plakat aufgehängt wurde.»
Er sah, dass es mit Stecknadeln befestigt war und nahm es vorsichtig von der Wand. Erstaunt blickte er auf die darunter angepinnten Postkarten. Der letzte Bewohner hatte eine ganze Sammlung aufgereiht an der grossen Kork-Pinnwand. Das darüber befestigte Plakat hatte alles verdeckt.
Mike sah Boy an. «Gehörten die meinem Vater?» «Vermutlich nicht, denn hier hat ja zum Schluss Thomas Pipp gewohnt. Aber schauen wir einfach mal nach», meinte er, zog die Stecknadel aus einer Karte mit dem Motiv der Berliner Gedächtniskirche heraus und drehte sie um. «Die ist für Thomas Pipp. Unterschrieben mit: Herzliche Grüsse aus Berlin, Francesca und Stefan», erkannte Boy, als er den Adressaten und die Unterschrift entziffert hatte. «Dezember 1981», konnte er dem Poststempel entnehmen. Waltraud hatte eine andere Karte mit dem Motiv des Eiffelturms abgenommen: «An Thomas, Absender Stefan und Francesca. Abgestempelt in Paris im Januar 1982.»
Mike hielt eine Karte mit einer dramatischen Küstenlandschaft in den Händen. «Costiera Amalfitana», las er mit einem Gemisch aus Italienisch und Amerikanisch vor. «Die ist auch von meinem Vater. Könnt ihr das übersetzen?»
Er gab die Postkarte Waltraud, die den deutschen Text ins Englische übertrug: «Hallo Tom, hallo Schmidt, es ist schön hier in Amalfi, fast jeden Tag Sonne. Bei euch regnet es, habe mir gestern die Bildzeitung gekauft und sie abends um 10 Uhr bei 22 Grad draussen vor dem Restaurant gelesen. Ich bleibe noch länger, könnt ihr bitte ab und zu mal auf dem Hof nach dem rechten sehen? Danke, euer Stefano!»
Mike war froh, dass man in dem dämmrigen Licht der Lampe nicht sehen konnte, dass er feuchte Augen hatte. Als sein Vater diese Karte schrieb, hatte er seine Mutter dort in Italien kennengelernt. Er merkte, dass er den Ort sehen musste, Amalfi, diese Küste, den wilden Sonnenuntergang auf dem Foto. Er nahm die Karte wieder und schaute sie nochmal an. Dann warf er einen Blick auf die anderen Motive, sah sich die Texte an, obwohl er natürlich kein Wort verstand. «Hat es eine Bedeutung, dass die Briefmarken alle auf dem Kopf stehen?», wollte er wissen. Boy und Waltraud sahen ihm über die Schulter. «Nicht dass ich wüsste», meinte Boy. «Das war wohl eine Angewohnheit deines Vaters.» Mike gab die Karten an Boy, doch der hängte sie nicht wieder zurück, sondern steckte sie in seine Jackentasche. Das wäre vielleicht eine gute Erinnerung für Mike, die er mit nach Hause nehmen könnte.
Zurück im Wohnhaus setzen sich die drei an den Tisch. Mike schaute sich erneut genau um. Wieder hatte er diese zusammengezogenen Augenbrauen, die Stirn lag in Falten. «Bo-ee, was ist dort hinter der Tür?» Mike deutete auf den Raum rechts vom Wohnbereich, den Boy als Abstellkammer nutzte. «Nichts Besonderes, ich habe dort mein Werkzeug drin, habe das Zimmer noch nicht mal renoviert. Es ist zu schmal, um es sinnvoll zu nutzen. Warum fragst du?» «Ich meine mich zu erinnern, dass dort in der Ecke ein grosser Ofen war. Im Winter habe ich dort manchmal gesessen, nach dem Spielen im Hof.» «Da ist nichts mehr, du kannst gerne mal reinschauen», ermunterte Boy ihn. Die Idee eines grossen, gemauerten Ofens hier im Wohnbereich fand er sympathisch. Vielleicht sollte er so einen einbauen lassen.
Mike stand auf und ging in den Nebenraum. Weisse Wände, ein staubbedeckter Werkzeugkasten stand auf einem Arbeitstisch, einige kleinere Maschinen lagen auf dem Boden. Mike sah sich um. Was stimmte hier nicht? Er trat wieder vor die Tür, ging nochmal hinein. Waltraud und Boy blickten ihn verwundert an. Erneut kam Mike heraus und mass die Länge des Raums mit Schritten ab. «Acht Yards – da drinnen sind es keine fünf.» Boy begriff. «Der Ofen war dort in der Ecke, sagst du?» «Ja», erwiderte Mike. Nun ging auch Boy in den Abstellraum. Er klopfte gegen die hintere Wand. Seltsam hohl klang es, dünn wie eine Rigipsplatte. Er schaute Mike an. Der nickte nur. Vielleicht war der gemauerte Ofen ja noch vorhanden?
Der zweite Schlag mit dem Pfundhammer liess ein Stück der dünnen Wand nach hinten wegbrechen. Gut, dass ich hier noch nicht renoviert habe, dachte Boy, als er das Loch mit gezielten Schlägen schnell vergrösserte. Dahinter war es stockdunkel. Waltraud stand in der Tür und traute ihren Augen nicht. Die beiden Männer rissen tatsächlich eine Wand ein! Mike hatte ein Stemmeisen genommen und schlug ebenfalls gezielt zu. Als das Loch gross genug war, dass Boy den Kopf und eine Schulter hindurchstecken konnte, holte er eine Taschenlampe.
«Schau du zuerst», forderte er Mike auf und gab ihm die Leuchte. Der Amerikaner schaltete sie an. Als er den Lichtstrahl auf das Loch richtete, konnte man sofort erkennen, dass sich etwas sehr nah dahinter befand. Mike steckte den Kopf durch das Loch. Es war noch genug Platz für die Taschenlampe. Er blieb einige Augenblicke mit dem Kopf auf der anderen Seite – dann drehte er sich um um meinte: «Der alte Ofen aus meiner Kindheit ist noch da.»
Boy war begeistert. Er malte sich bereits aus, wie er die Wand zum Abstellraum rausreissen, den Pizzaofen reaktivieren und im Winter das Sofa neben den warmen Holzofen rücken würde. Zudem könnte er sich endlich an einer echten Pizza versuchen. Mike gab ihm die Lampe und voller Entdecker- und Besitzerstolz leuchtete er in das Loch. Die halbrunde Öffnung zu dem nicht gerade kleinen Ofen war direkt hinter der Öffnung in der Wand. Warum die wohl zugemauert ist, fragte sich Boy. Er nahm den Hammer und schlug ein paar mal gegen die Steine. Der Mörtel bröckelte, ein, zwei Steine fielen schnell aus der kleinen Mauer heraus.
Boy leuchtete hinein. «Nicht schon wieder», stöhnte er, als er die mumifizierte Leiche sah.
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Hallo Herr Jermann,
die Spannung steigt und steigt. Ich freue mich jetzt schon wieder auf die Fortsetzung. Einfach toll !!!
MfG
Rosemarie Tänzer