Salton Sea

18. August 2010 | von

Salton SeaEs ist eine unbekannte Geschichte.  Sogar viele Einheimische kennen sie nicht.  Und manche wollen sie wahrscheinlich gar nicht kennen, denn sie ist kein Ruhmesblatt für unsere Zivilisation.  Frage ich Bewohner Kaliforniens nach dem grössten See ihres Landes, dann werden meist Lake Tahoe, Clear Lake oder Mono Lake genannt.  Keines dieser Gewässer hat aber auch nur annähernd die Ausdehnung des Sees, um den es hier gehen soll: der Salton Sea.

Der Salton Sea zeigt uns heute einen höchst seltsamen Ausschnitt aus seiner gerade mal 100-jährigen Geschichte.  Er erlebte Blütezeiten und Katastrophen — und so recht erklären, warum das alles so gekommen ist, kann heute niemand überzeugend.  Es gibt Versuche, aber je nach Interessenlage fallen diese recht unterschiedlich aus.  Allerdings gibt es ein paar unbestrittene Fakten.

Ein See aus dem Nichts
Salton SeaFür Jahrhunderte war das Gebiet ganz im Süden Kaliforniens, unweit der Grenze zu Mexiko, eine Wüste.  Es war die Salton Sink — wie die Gegend unromantisch genannt wurde.  Der tiefste Punkt lag damals zirka 80 Meter unter dem Meeresspiegel.  Es war heiss, trocken und staubig.  Doch wie so oft in Kalifornien:  Wird der Boden bewässert, dann blüht das sehr fruchtbare Land auf.  Und das wussten ein paar Geschäftsleute, die Wasser im grossen Stil verkauften …

Als 1901 die kommerzielle Erschliessung des Landes begann, benötigte man einen attraktiveren Namen als Salton Sink.  Mit Assoziationen von Wüste und Hitze liess sich kein Geschäft machen.  Also nannte man die Gegend um in Imperial Valley.  Das klang weitaus beeindruckender.

Vor 1900 gab es nicht genug Wasser in dieser Gegend.  Um interessierte Farmer anzulocken, wurde das lebenswichtige Nass vom Colorado umgeleitet.  Die Kanäle waren aber keine Meisterleistung der Ingenieurskunst.  Das Ganze war schlecht geplant und die Wasserversorgung funktionierte nicht zuverlässig.  Es gab Probleme — die mittlerweile niedergelassenen Farmer murrten.  Man plante Abhilfe:  Ein zusätzlicher Kanal wurde 1904 gebaut.  Und wieder schnell und schlampig …

1905 liessen heftige Unwetter den Colorado anschwellen.  Durch die mitgeschwemmten Sedimente stieg der Wasserspiegel und unter der Last der Flut brach ein Damm.  Ungehindert floss von da an fast das gesamte Wasser des Flusses zum tiefsten Punkt des Imperial Valleys.  Einen Abfluss gab es nicht, der Wasserspiegel stieg immer weiter.  Der Salton Sea war geboren — ungewollt.

Fast zwei Jahre lang speiste der Colorado den neuen See.  Schliesslich war es die Eisenbahngesellschaft Southern Pacific Railroad, die den Damm schloss.  In einem enormen Kraftakt wurden mehr als zwei Wochen lang ununterbrochen Steine, Kies und Lehm aus Eisenbahnwaggons direkt in die Bruchstelle gekippt.  Man kann eine Portion Idealismus bei dieser Tat vermuten.  Allerdings gibt es auch die Version, dass die Gleisanlagen der Gesellschaft vom steigenden Wasser bedroht waren, und ein Einschreiten gegen die Flut kostengünstiger war, als der Neubau auf trockenem Gelände.

Nachdem der Colorado River wieder in sein Bett zurückgedrängt war, hatte sich das Imperial Valley grundlegend verändert.  Ein See war aus dem Nichts entstanden.  Die Landkarten mussten korrigiert werden.

Aber welch eine Chance war damit entstanden:  Ein Süsswassersee inmitten einer fruchtbaren Wüste!  Es war der Beginn einer blühenden Landschaft rund um das Gewässer — aber 100 Jahre später stellt sich alles ganz anders dar.

Der Salton Sea heute
Salton SeaMir war klar, was mich erwartete, als ich mich das erste Mal dem Salton Sea näherte.  Meine Hausaufgaben hatte ich gemacht.  Ich kam von Nordosten und sah den Schimmer eines weissen Strandes in der Ferne.  Doch ich wusste, dass das nur eine Täuschung war.  Und so liess ich bei meiner ersten Begegnung mit dem vermeintlichen Paradies meine Schuhe an:  Dieser Strand besteht aus einer dreissig Zentimeter dicken Schicht spitzer Fischknochen und scharfkantiger Seepocken.  Kein guter Platz, um barfuss zu laufen …

Der nordöstliche Bereich des Sees wirkt heute verlassen.  Es sind kaum Menschen zu sehen und wenig Infrastruktur prägt das Bild.  Die Hauptstrasse durch eine meilenweite Einöde mit erodierter Landschaft kann nicht als touristischer Höhepunkt angesehen werden.  Für das ungeübte Auge ist dort in weiten Landstrichen nicht viel mehr zu sehen, als ein paar teilweise gut ausgestattete Plätze für Camper.  Denen merkt man das Bemühen an, Urlauber in diese verlassene Gegend locken zu wollen.

Diese Tristesse ist wohl auch der Grund, warum die meisten Reisetipps heute nicht gerade sorgsam mit der Gegend umgehen.  «Besucht eine der Obstplantagen» ist der meistgelesene Rat.  Weder beschäftigen sich diese Ausführungen mit der seltsamen Vergangenheit, noch mit der bedrückenden Gegenwart des Sees: verpasste Chancen!  Stattdessen konzentrieren sich die Tipps lieber auf Disneyland — das ist nur zweieinhalb Autostunden entfernt, bestimmt viel trendiger und nicht so anstrengend.

Salton SeaDabei gab es eine Zeit, als am neuen Salton Sea eine Menge los war.  Deutliche Spuren dieser Ära sind noch heute zu erkennen, wenn man die Hauptstrassen verlässt:  Verlassene Motels, versunkene Häuser und verfallene Marinas sind stille Zeugen einer besseren Epoche.  North Shore, Bombay Beach, Salton City sind die Namen von vergessenen Orten, die vor einem halben Jahrhundert noch einen besonderen Klang in der Gegend hatten.

Hollywoods Sommerfrische
In den sechziger Jahren waren die Pläne der Geschäftsleute hochfliegend.  Marinas, Motels und eine umfangreiche Infrastruktur wurden gebaut.  Salton SeaDie wenigen heute verbliebenen Bewohner erinnern sich sicher mit Wehmut an die Beach Boys, Jerry Lewis und die Marx Brothers:  Sie brachten internationales Flair in den noblen North Shore Beach & Yacht Club.

Johnny Weissmuller und Harry James spielten auf dem Championship Golf Course bei Salton City.  Immer wieder werden Hollywoodgrössen wie Frank Sinatra und Dean Martin genannt, die die Wochenenden an dem klaren See verbracht haben sollen.  Sonny Bono lernte hier angeblich Wasserskifahren — und sicher tummelten sich diverse andere Stars und Sternchen an dem hippen See.

Und es gab ein Rahmenprogramm:  Angeln und Bootfahren waren wohl die Höhepunkte.  Verschiedene Fischarten wurden in den See eingebracht und vermehrten sich prächtig.  Berühmte Powerboat-Rennen wurden veranstaltet:   Die Salton Sea 500 war ein bekanntes Event und wurde im Fernsehen gezeigt.  500 Meilen im Kreis auf einem See herumjagen, der den Ruf hatte, wegen des Luftdrucks und des hohen Salzgehaltes das schnellste Gewässer dieser Erde zu sein.  Motoren, Rennen, Lärm, dazu die Gelegenheit, 30-pfündige Barsche aus dem Wasser zu ziehen — für eine echte amerikanische Seele war der See spätestens jetzt zu einem Anziehungspunkt geworden.

Das Ende der Erfolgsgeschichte
Der Salton Sea ist in mehrfacher Hinsicht eine Falle:  Als tiefster Punkt der Gegend läuft alles Wasser in ihn hinein — und es kann nicht abfliessen.  In den siebziger Jahren liessen tropische Regenstürme den Wasserspiegel um anderthalb Meter ansteigen.  Viele der Bauten im Uferbereich versanken.  Man hatte zu nah am Wasser gebaut.  Das war der Anfang vom Ende der hochfliegenden Entwicklungspläne:  Salton SeaDie potentiellen Investoren wurden verständlicherweise unsicher und sprangen ab.  Die Gegend begann zu veröden, die angelegten Wohnviertel blieben einsam.  Die geteerten Strassen bilden seit fast 50 Jahren den Grundriss von Siedlungen — ohne Häuser.

Und weitere, schleichende Probleme der Neuzeit setzten dem Gewässer zu:  Ein Chemikalienmix aus der Landwirtschaft wurde durch das Bewässerungssystem von den Plantagen in den See gespült.  Der Salzgehalt stieg ständig, denn den Grund des Salton Sea bildet eine Salzpfanne.  Hier schwappte vor langer Zeit einmal der Pazifik, bevor tektonische Veränderungen das Tal vom heutigen Meer abtrennten.  Nachdem das Wasser des Pazifiks verdunstet war, blieb eine Salzschicht zurück.  Das Wasser des Salton Sea löste dieses Salz nunmehr stetig auf.  Nicht zuletzt führten Flüsse wie der stinkende New River dem Salton Sea auch industrielle Abfälle zu.  Aus einem blauen Frischwassersee wurde eine braune Brühe.  Algen gediehen prächtig.

Salton SeaAls Anfang der Neunziger Jahre 150.000 Schwarzhalstaucher aus nicht geklärten Gründen verendeten, war das erst der Anfang einer Reihe mehr als unappetitlicher Katastrophen.  Was immer aus der langen Liste der Belastungen die tatsächliche Ursache war, ist für die Folgen letztlich egal — dem See ging der Sauerstoff aus.  Es kam zu riesigen Fischsterben:  Allein im August 1998 erstickten in kurzer Zeit über sieben Millionen Fische.  Für die Stars aus Hollywood war der mit Algen übersäte Salton Sea zu diesem Zeitpunkt aber schon lange keine atemberaubende Sommerfrische mehr.  Das Spekulationsobjekt war tot.

Versagen und Verwunderung
Es ist eine lange Liste von Versagen:  Das Versagen der Planer vor über 100 Jahren beim Design des Bewässerungssystems, das Versagen der Visionäre beim Auf- und Ausbau der Infrastruktur um den See herum, das Versagen der Wissenschaftler bei einer koordinierten Analyse des Tiersterbens — und heute das Versagen der Verantwortlichen bei der rationalen Aufarbeitung des Geschehens.

Je nach Interessenlage wird der Salton Sea heute als Monster oder als Juwel dargestellt.  Es gibt schon wieder Spekulanten, die im Ort Desert Shores Wassergrundstücke zu 150.000 $ anbieten, und mit einem zu erzielenden Wert von nicht unter 500.000 $ in zehn Jahren werben.  In den Werbebroschüren der Anbieter stehen Begriffe wie Umweltverschmutzung, Überdüngung, Schwermetalle und Kolibakterien nicht im Mittelpunkt.

Umweltschützer haben ihrerseits Probleme, wenn bei Analysen von Wasserproben aus dem See oder des New River die Grenzwerte der Schadstoffe angeblich nicht überschritten werden — die Gewässer aber offensichtlich stinkende Kloaken sind.

Als Reisender ist man verwirrt, Salton Sea: Anglerwenn offizielle Schilder vor dem Verzehr von zu viel Fisch wegen der hohen Selenbelastung warnen, an anderer Stelle offiziell aber keine zu hohe Selenbelastung propagiert wird.  Was und wem soll man nun glauben?

Die Reste
Es spielt keine Rolle mehr, dass das Militär in den vierziger Jahren die Seepocken als blinde Passagiere in den See gebracht hatte — und die Strände von deren scharfkantigen kleinen Gehäusen überschwemmt wurden.  Wen kümmert es heute noch gross, dass sich der weltbekannte Sänger und spätere Politiker Sonny Bono für den Erhalt des Sees einsetzte?  Es ist belanglos, dass Angler den See wegen der immer noch üppigen Fische lieben.  Der Salton Sea hat die breite Aufmerksamkeit verloren.

Salton SeaWas ich heute am Salton Sea vorfinde, sind stumme Zeugen einer traurigen Geschichte.  Was ich dort entdecken kann, ist ein eindringliches Zeugnis, wie Menschen mit den ihnen überlassenen Ressourcen dieses Planeten umgehen.

Riesige alte Kühlschränke stehen verlassen im Freien herum.  Sie zeugen vom Traum der Amerikaner, an jedem Ort ein eisgekühltes Getränk zur Verfügung zu haben.  Der Chic der alten Zeiten ist unter der Patina der Deepfreezer immer noch zu erkennen — aber trotz all unserer Sehnsucht nach Retro und Vintage sind diese Ungetüme irgendwie auch bedrückende Mahnmale einer Katastrophe von Menschenhand.

Salton Sea: North Shore Beach & Yacht ClubGlauben Sie nicht den Reiseführern.  Fahren Sie auf keine Plantage, wenn Sie durch diese Gegend kommen.  Besuchen Sie vielmehr die Küstenlinien dieses seltsamen Sees.  Die Attraktionen von Disneyland werden Sie wahrscheinlich vergessen — die versunkenen Gebäude im Salton Sea, die geschlossenen Clubs und Motels von North Shore nicht.  Auch ein Besuch in der Bar Ski Inn dürfte ein bleibendes Erlebnis sein:  Im Gegensatz zu Walt Disneys Traumwelten sind die glanzlosen, desillusionierten Augen der letzten Bewohner von Bombay Beach echt.

Salton SeaViele Bewohner sind gegangen, auch wenn man glauben könnte, dass so manches leerstehende Haus noch bewohnt wird: Die Eingangstür einiger Häusern stehen offen und manchmal sind noch die letzten Kaffeetassen in der Spüle zu finden.  Die dicke Staubschicht auf den zurückgelassenen Möbeln verrät aber, dass hier seit Jahren niemand mehr war.  Disney hätte es nicht besser drapieren können.

-fj

3 Kommentare auf "Salton Sea"

  1. Hein Blöd sagt:

    Hi Frank,

    diese Geschichte ist immer wieder beeindruckend. Dazu (für ‘Canonisten’ sicher bekannt) vielleicht verlinkenswert: http://vimeo.com/10314280

    Vielen dank für die neuerliche Inspiration!
    - HB

  2. Hein Blöd sagt:

    Hi nochmal,

    stellvertretend für die zahlreichen Fundstellen im Netz finde ich zu diesem Thema auch noch ‘Pesticide Fate Research’ interessant: http://ca.water.usgs.gov/user_projects/toxics/SaltonSea.html.

    Grade in CA liegen umweltbezogene Themen in der letzten Zeit ja ziemlich im Trend. Bin gespannt, was unsere amerikanischen Freunde daraus langfristig machen.

    - HB

  3. Hein Blöd sagt:

    Hi,
    hierbei http://tinyurl.com/6fm56o4 fielen mir doch die (aufgegebenen?) WW wieder ein.: “Something Like Nostalgia”…
    Beste Grüße,
    - HB

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