Grüsse aus der Wetterau (V)

25. August 2010 | von

Boy ahnte, dass zwischen den beiden Kriminalbeamten etwas nicht stimmte.  Zu unfreundlich war der Hauptkommissar zu seinem Kollegen gewesen.  Hinter dem Hoftor wartend hatte er den kurzen Streit draussen auf der Strasse mitbekommen.  Er mochte Albert Weiss und wusste, dass er seine Rolle jetzt um so besser spielen musste.  Also machte er das Scheunentor weit auf, drückte die Daumen, dass der Opel Olympia ansprang und dabei möglichst viel Lärm machte.  Mehrfach liess er den alten Motor aufheulen und fuhr schliesslich mit hohen Drehzahlen die paar Meter ins Freie.  Normalerweise hätte Boy den leichten Wagen geschoben, aber schliesslich sollte Albert Weiss’ Chef ja mitbekommen, dass dessen Besuch privater Natur war.  Im Hof begannen die beiden Männer dann mit viel Getöse, die Heckklappe zu demontieren.

Boy bot Albert Weiss nach zwei Minuten das «Du» an – er fand das passender für ihre Komödie.  Albert hatte nichts dagegen und sein Besuch war legitimiert, als er – sein lauischer Chef war gerade in Hörweite – seinen Komplizen anflachste:  «Menno!  Boy, nicht den 17er, ich habe nach dem 19er-Schlüssel gefragt!»  Als die Klappe abgebaut war, deutete Boy auf den Garten.  «Samstag Nachmittag, harte Arbeit – das schreit ja förmlich nach einem Bier im Schatten.»

Auf dem Weg zum Kühlschrank machte er noch einen Abstecher in den ersten Stock und klopfte bei Mike, der aber nicht in seinem Zimmer war.  Weit konnte er nicht sein und so nahm er vorsichtshalber drei Flaschen mit.  Ein paar alte Gartenstühle standen so weit entfernt vom Haus, dass sie sich dort ohne Gefahr allzu neugieriger Ohren unterhalten konnten.  «Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig, aber die muss unter uns bleiben», begann Albert Weiss.  «Also, von mir aus können wir beim ‹Du› bleiben – und ich kann Schweigen wie …, nun, das passt: wie ein Grab», meinte Boy grinsend.  «Ja, da hast du ja jetzt genügend Erfahrung gesammelt», lachte Albert.  «Also nochmal und offiziell: Albert.» «Boy.»  Die beiden prosteten sich zu.

«Wie du bestimmt bemerkt hast, habe ich ein Problem mit meinem Chef.»  «Oh, der ist dein Chef?  Das wusste ich nicht.  Was hat der gegen dich?»  «Ich vermute, er tritt nur ein wenig nach unten – genauso, wie er nach oben buckelt.  Wir haben uns noch nie gut verstanden, unterschiedliche Vorstellungen vom Job, unterschiedlicher Fleiss …»  «Unterschiedliche Fähigkeiten?»  «Vielleicht auch das.  Viele vermuten, dass er sich Vorteile verschafft hat, die ihn in seine Position gebracht haben.  Wie immer in solchen Fällen:  Zu beweisen ist nichts, die Verwaltung lässt sich natürlich nicht in die Karten schauen.  Ich weiss aber, dass der Kollege manchmal recht eigenartige Ansichten darüber hat, wo nicht weiter ermittelt wird oder wann ein Fall abgeschlossen ist.  Ich meine, da gibt’s ein Muster – alles keine grossen Sachen, aber vermutlich werden ihm diese Fälle nicht schaden.

Letzte Woche habe ich ihn dann mit einem richtig schlechten Gewissen um sein Auto schleichen gesehen.  Er hatte da eine frische Delle drin.  Die wollte ich heute unauffällig anschauen, aber dummerweise hat er mich vorhin dabei entdeckt.»  «Eine Delle im Auto, was ist daran verdächtig?  Und was hast du gesagt, als er dich vorhin erwischt hat?  Er war laut, aber dich konnte ich nicht verstehen»  «Na ja, eine Delle im Auto zu haben ist natürlich kein Verbrechen, aber er trinkt gerne mal, fährt trotzdem selbst, weicht Fragen aus, seine Körpersprache ist schlechtes Gewissen pur – da kommen viele Punkte zusammen.  Und ich habe einfach eine Ahnung, dass er etwas verbockt hat.  Ach, eine Katze hat mich vorhin gerettet.  Sass unterm Auto und kam im richtigen Moment drunter hervor.»  «So ein grau-schwarzer?»  «Ja.» «Das war Charly.»  «Na, dem schulde ich einen Fisch.»  «Hühnchen. Er mag Hühnchen.»

Mike war die Treppe zum Speicher hochgestiegen.  Er öffnete die knarrende Tür und sah kaum etwas.  Die Dachfenster waren klein und liessen nur wenig Licht herein.  Er tastete rechts und links der Tür, fand schliesslich einen Lichtschalter, drückte ihn.  Der trübe, gelbliche Lichtschimmer liess ihn eine Welt erblicken, die fremd war für einen Amerikaner: Reste einer deutschen Gastwirtschaft, ein paar Jahrzehnte alt.  Mike erinnerte sich an Fernsehbilder sturzbetrunkener Menschen vom Oktoberfest, an etwas, das unverständlicherweise mit «German Gemuetlichkeit» beschrieben wurde.  Der Gedanke, dass er hier in einem ähnlich bierseligen Umfeld die ersten Jahre seines Lebens verbracht hatte, kam ihm absurd vor.

Unten im Haus, im ehemaligen Gastraum, da hatte er sich an etwas erinnern können, denn die Fenster kamen ihm bekannt vor, der Blick nach draussen war fast vertraut – und das war die Möglichkeit für seinen Blick nach innen, in die Gefühle des vierjährigen Mike.  Hier im fahlen Zwielicht der kleinen Glasscheiben und der beiden kahlen, von der Decke baumelnden Glühbirnen, kamen keine Erinnerungen an die Oberfläche.

Boy hatte ihm gesagt, er könne sich umsehen – und das tat er jetzt mit ein wenig Spannung im Bauch.  Wann würde er jemals wieder die Gelegenheit haben, in so privater Atmosphäre etwas über sein Heimatland zu erfahren?  Eine Batterie stumpfer Gläser stand im Regal rechts von der Tür, daneben ein verstaubter Stapel abgegriffener Speisenkarten.  Mike nahm einen der braunen Plastikordner und schlug ihn auf.  Er konnte in der fremdartigen Liste immerhin einige der angebotenen Pizzasorten erkennen und ein paar Getränkenamen entziffern.  Ein Bier kostete damals zwei Deutsche Mark, die Mengenangabe war wohl irgendwas in Litern.  Ob das günstig war?  Mike hatte kein Gefühl für die alte Währung und das ungewohnte Raummass.

Biergarnituren waren an die Wand gelehnt, robuste Wirtshaustische und Stühle übereinander gestapelt.  Leere Bierflaschen standen in einem anderen Regal, daneben weitere Biergläser.  Mike sah sich die schönen grünen und braunen Flaschen genauer an.  Solche Bügelverschlüsse hatte er noch nie gesehen.  Er probierte den Mechanismus aus, doch die poröse rote Gummischeibe zerbröselte in viele Stücke.

Wetterauer Krimi: Grüsse aus der WetterauWährend er die Flasche zurück ins Regal stellte, entdeckte er in einem der hinteren Gläser – halb im Schatten – ein Bild, das ihm bekannt vorkam.  Mike griff danach und zog ein Foto des New Yorker Times Square hervor – zerkratzt, alt mit deutlichem Gilb.  Nein, das war nicht bloss ein Foto, sondern eine weitere Postkarte mit so einem alten, geriffelten Rand, wie man ihn kaum noch kannte.  Neugierig drehte sah er sich die Rückseite an, und sah, dass sie ebenfalls von seinem Vater geschrieben war.  Der Adressat war Thomas Pipp – ebenso wie auf den Karten in der alten Wohnung.  War das vielleicht die Postkarte aus New York, die Waltraud heute morgen erwähnt hatte?  Und auch wenn nicht – warum dieser Reisegruss wohl hier war und nicht an der alten Pinnwand?

Mike steckte die Karte ein, sah sich noch ein wenig um und ging wieder nach unten.  Er konnte Boy und den Polizisten nicht entdecken.  «Vielleicht sind sie im Garten», dachte er und ging durch die Küche nach draussen.  Unter den Obstbäumen sah er sie sitzen, beide mit einer Flasche in der Hand.  «Immer noch deutsche Gemütlichkeit hier auf dem Hof?», schmunzelte er, als er nah genug war.  «Klar, unser Kulturerbe – das pflegen wir natürlich», flachste Boy zurück und fügte hinzu: «Wenn du auch etwas deutsche Kultur atmen willst:  Dort im Schatten steht ein Bier für dich.»  Hoffentlich ist es noch kühl genug.  Dann stellte er die beiden Männer gegenseitig vor und erkannte einen weiteren Unterschied zwischen Peter Schmidt und Albert Weiss:  Dieser Polizist hier in seinem Garten konnte fliessend Englisch.

Nach ein paar stillen Augenblicken des Biertrinkens – Mike war erfreut, dass er so einen Bügelverschluss nun in neuerer Version ausprobieren konnte – fiel ihm die Karte in seiner Jackentasche ein.  Er zog sie hervor und reichte sie Boy:  «Hier ist noch eine Postkarte, ich habe sie in einem Regal dort oben gefunden», meinte er und deutete auf das Dach des Wohnhauses.  Boy schaute die Fotografie mit Interesse an.  Erstaunlich, wie der Times Square vor 25 Jahren ausgesehen hatte.  Ein genauerer Blick sagte ihm aber, dass die Karte noch weit älter sein musste.  Die Autos sahen eher nach den 60er Jahren aus.  Der Text auf der Rückseite war kurz, aber deutlich:

Hallo Tom und Schmidt,
ich bin Francesca nachgereist.  Wir haben uns wieder vertragen und wollen hier in New York bleiben.  Tom, führe bitte das Amalfi weiter und kümmere Dich um den Hof, Du hast ja alle Vollmachten.  Ich melde mich bald!

Stefan

Boy übersetzte für Mike.  Beide schauten sich an.  Boy wusste, was Mike dachte.  «Mein Vater war nie bei uns in New York.  Und mit meiner Mutter hat er sich bestimmt nicht wieder vertragen, das hätte sie mir erzählt.  Wie konnte er so etwas schreiben?»  «Tja, das frage ich mich auch», stimmte Boy ihm zu und schaute wieder auf die Karte.  «Hat Waltraud nicht heute morgen eine Postkarte aus New York erwähnt?», fragte er Mike.  «Ja, ich habe auch schon daran gedacht.  Das muss sie sein.»

«Von wann ist denn die Karte?  Und weisst du, wann Stefan Perrone ermordet wurde?», fragte Albert Boy.  «Wann er ermordet wurde, weiss ich nicht.  In der Zeitung stand nur etwas von einem Mafia-Mörder und irgend etwas von den 80er Jahren, aber kein genauer Zeitpunkt.  Und die Karte ist vom …» – er suchte eine Zeitangabe, fand aber kein handschriftliches Datum.  Während er den etwas blassen Poststempel entzifferte, erinnerte er sich an den Vormittag in der kleinen Wohnung über dem ehemaligen Hühnerstall.  Da gab’s auch nur Poststempel auf den Karten, keine anderen Hinweis auf das Datum des Versands.  «Stefan Perrone schrieb weder Ort noch Datum auf seine Postkarten, wozu auch», dachte Boy und fügte laut hinzu: «… 11. Dezember 1986.  Laut Poststempel.»

«Vielleicht hat Mikes Vater die Karte gar nicht geschrieben», gab Albert Weiss zu bedenken.  «Wenn seine Angaben auf der Karte über eine Versöhnung mit deiner Mutter nicht stimmen und er noch dazu hier in Solmsheim tot aufgefunden wurde – möglicherweise hat ihn einfach nur jemand verschwinden lassen?  Ähnliche Fälle hat es immer wieder gegeben.»

«Albert, ich glaube, du hast Recht.  Diese Karte ist nicht von Stefan Perrone geschrieben worden.»  Boy griff in seine Jackentasche und holte die anderen Karten heraus, die er am Vormittag eingesteckt hatte.  «Diese Karten von Stefan haben wir heute morgen in der alten Wohnung des letzten Eigentümers hier auf dem Hof gefunden.»  Er reichte sie Albert hinüber, die Postkarte aus New York danach.  Der Kommissar warf einen prüfenden Blick darauf.  «Gutes Auge, Boy», meinte er anerkennend.


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ein Kommentar auf "Grüsse aus der Wetterau (V)"

  1. Rosemarie Tänzer sagt:

    Na toll,
    habe schon sehr auf die Fortsetzung Ihres Krimis gewartet. Vielen Dank
    und weiter so.
    LG
    Rosemarie

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