Rübe, frankophil

15. Oktober 2010 | von

Kürzlich stand ich mit einer Nachbarin am Gartenbeet zu einem Pläuschchen zusammen.  Vom aktuellen Tagesgeschehen über das selbstauferlegte Sportprogramm (mit beiderseits dauerhaft fehlender Disziplin bei der Umsetzung) kamen wir zu dem, was uns zu Füssen lag:  In diesem Fall waren das nicht die Männer sondern Rote Rüben.  Mehrere Exemplare wuchsen im Beet.

rote BeeteRote Rüben nenne ich Rote Beete.  Bis Mitte der 90er Jahre kannte und schätzte ich Rote Rüben nur so, wie sie meine Mutter beispielhaft gut einkocht: süß-sauer.  So sind sie jedoch nicht jedermanns Geschmack.  Da andere Formen der Zubereitung in unserer Küche rar sind, hält sich die Beliebtheit dieses Gemüses folglich in Grenzen.  Meist mag nur ein Teil der Familie diese unverwechselbar tiefrote Erdfrucht.  50 % ist ein guter Wert.

Vor dem Jahrtausendwechsel war ich häufiger in Frankreich, genauer: in der Normandie unterwegs.  Mit Familienanschluss.  So konnte ich intensive Einblicke in den Alltag eines Landes nehmen, das für seine Küche berühmt ist.

Mich begeisterte die Auswahl an Lebensmitteln, wie sie dort beim Metzger, Bäcker, auf Märkten oder auch einfach nur im Supermarkt angeboten wird.  In der dortigen Küche lernte ich dann, wie damit in einer französischen Familie gekocht und schmackhafteste Speisen bereitet wurden.

Einmal begleitete mich eine Freundin zu den Normannen.  Uns zu Ehren wurde ein mehrgängiges Essen bereitet.  Der damals über achtzigjährige Grossvater bemerkte, dass er noch niemals junge Frauen gesehen hätte, die so viel essen konnten.  Verständlich:  Neben den Französinnen, die stundenlang an einem Baguettekrümel knabbern, um ja kein Gewicht zuzulegen, erschienen wir beide sicherlich als germanische Vielfrasse — schlugen wir doch selbst beim Käse ziemlich am Ende des Menüs noch zu, als wäre es der Hauptgang.  Wir konnten einfach nicht widerstehen.

In dieser französischen Familie wurden die Gerichte bodenständig zubereitet.  Es gab einen grossen Gemüsegarten und die dort wachsenden Früchte wurden in der Küche verarbeitet.  A l’époque (frz.: damals) lernte ich auch die Verwandlungsfähigkeit der betterave rouge (frz.: Rote Rübe) kennen.  Ich stellte fest, dass sie durchaus anders als immer nur süss-sauer daherkommen konnte — hier war sie raffiniert und mediterran.

Zu der Zeit habe ich viel über Lebensmittel und ihre Zubereitung gelernt — zum Beispiel das Anrühren eines Essig-Öl-Salatdressings.  Ich entdeckte, wie es schmecken sollte, doch ein festes Rezept gab es nicht.  Nach drei bis vier Jahren des Testens bekam ich endlich ein Gefühl dafür, wie ich diesen bestimmten Geschmack und die kremige Konsistenz erhalte.  Das passende Mischungsverhältnis von Essig und Öl ist essentiell — ebenso wie die Zubereitung nach Gefühl.  Ein Rezept kann ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, deshalb hierfür nicht geben.

Zurück zur Rübe:  Wunderlicherweise (denn sie gehört zur Nicht-Rote-Rüben-Esser-Fraktion) hat eine Nachbarin dieses Jahr viele der roten Knollen angebaut.  Sie bat mich, ihr einige abzunehmen.  Das habe ich gern getan.  Allerdings lebe auch ich ich in einem Haushalt, in dem nur 50 % der Bewohner Rote Rüben essen.  Dank der netten Gärtnerin hatte ich aber ein gutes Argument gegenüber dem Nicht-Rote-Rüben-Esser in meinem Heim, die bei ihm unbeliebte Knolle zuzubereiten: Nachbarschaftshilfe.

Und hier die Beschreibung der Roten Rübe auf frankophile Art:

Zuerst werden die gereinigten Rüben gekocht, bis sie durch und durch weich sind.  Das dauert bestimmt anderthalb Stunden.  Sind sie etwas abgekühlt, muss die Pelle abgezogen werden.  Das ist in diesem Zustand einfach.

Die Knollen schneide ich dann in kleine (zirka zwei Zentimeter grosse) Würfel.  Dazu kommt Knoblauch, sehr, sehr fein gewürfelt.  Ich nehme eine mittelgrosse Zehe auf drei mittelgrosse Rüben.  Diese Würfelei vermenge ich mit etwas Olivenöl — auf die genannte Menge Gemüse vielleicht drei bis vier Esslöffel.  Die Würfel sollen appetitlich glänzen — so wie die Kerle in den Fitness-Magazinen – aber nicht in Öl schwimmen!  Dazu kommen noch ungefähr drei Esslöffel süsser Balsamessig.  Hier nehme ich den, der im Supermarkt als Aceto Balsamico di Modena verkauft wird und nicht den echten Aceto Balsamico Tradizionale di Modena.  Der Echte ist süsser und aromatischer und sicher auch einen Versuch wert.

rote BeeteDie Roten Rüben verweilen vor dem Verzehr ein paar Stunden in der Marinade.  Dabei rühre ich den Salat immer wieder um.  Da ich kleine Portionen zubereite, stellt sich mir die Frage des Aufbewahrens nicht, doch eine grössere Menge lässt sich im Kühlschrank durchaus eine Woche frisch halten.  Am Besten schmeckt mir der Salat zimmerwarm.

Nun muss nicht jeder, der Rote Rüben essen möchte, monatelang harte Gartenarbeit leisten oder eine nette Nachbarin haben.  Fertig gegarte, abgepackte Rote Beete finden sich in der Gemüseabteilung vieler Einkaufsläden.  So ist es ein Leichtes, mit hiesigem Gemüse und wenig Aufwand etwas französisches Flair auf den Tisch zu zaubern.

Doch sie wissen bestimmt, wie das ist:  In meinem Haushalt bleibt es trotz der gemeinsamen Vorliebe für die mediterrane Küche in Bezug auf die Rote Rübe weiterhin bei der Quote von 50 %.  Hier muss ich weiterhin mit Schokoladenbackwaren punkten.

-af

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